Zeitung Heute : Ex Oriente Pop

CHRISTIAN BÖHME

Die israelische Sängerin Noa im Haus der Kulturen der WeltAm Anfang Noa pur.Nur von ihrem Gitarristen und langjährigen Weggefährten Gil Dor begleitet, steht die israelische Sängerin auf der Bühne des Hauses der Kulturen der Welt.Die Hände sind um das Mikrofon gefaltet, die Augen leicht geschlossen.Und dann preist sie mit einer glasklaren Stimme ihren Erlöser.Ein ruhiger, fast poetischer Song, der gesanglich ihre kulturellen und musikalischen Wurzeln andeutet: Noa, die Tochter jemenitischer Eltern, die mit hebräischen Wiegenliedern aufwuchs und traditionell jüdisch erzogen wurde. Doch die orientalische ist nur eine der beiden Seelen, die in der Multikulti-Sängerin schlummert.Die andere ist die westlich geprägte: Noa, aufgewachsen in der New Yorker Bronx, früh beeinflußt von Jazz, Blues und vor allem vom amerikanischen Pop.Diese beiden Welten musikalisch zu einer spannungsvollen Klangmixtur zu verbinden - das zeichnet die Songwriterin und auch das zum Ort passende Orient-meets-Okzident-Konzert aus. Dennoch: Der Funken will zunächst nicht auf die Zuhörer im gut gefüllten Saal überspringen.An ihrer dreiköpfigen Begleitband zumindest liegt es nicht.Baßgitarre, Perkussion und Gitarre sind mit exzellenten Musikern besetzt.Das zeigt sich nicht nur bei den Soli, sondern auch in der Art, wie sie sich selbst wohltuend zurücknehmen.Stets wird Noa und ihrer Stimme der Vortritt gelassen.Aber es hapert einfach ein wenig an der Dramaturgie des Konzerts.Abrupt und zu vorhersehbar wechseln langsame, balladenhafte Stücke mit rockigen.So schwankt auch die Stimmung zwischen Nachdenklichkeit und Ausgelassenheit.Für letzteres stehen in erster Linie die Lieder von Noas jüngstem Album "Calling".Ihnen merkt man deutlich die Handschrift des Produzenten Rupert Hine an, der sonst Rockgrößen wie Tina Turner betreut.Das macht den Auftritt zwar abwechslungsreich, läßt aber die wandlungsfähige Stimme der dunkelhaarigen Israelin nicht recht zur Geltung kommen. Es sind dann auch die ruhigen Stücke wie "Mark of Cain" über die Brutalität des Bosnienkrieges oder ein jemenitisches Volkslied, die das Konzert zu einem eindrucksvollen Erlebnis machen.Lieder voller Sehnsucht, Liebe zum Detail und poetischer Ausdruckskraft, die zudem von der friedensbewegten Einstellung der Sängerin zeugen.Und wenn sie dann als Zugabe ihr nur von der Gitarre begleitetes "Ave Maria" singt, dann ist die Wandlerin zwischen den Kulturen wieder Noa pur.CHRISTIAN BÖHME

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar