Zeitung Heute : Existiert Saddam?

JAN SCHULZ-OJALA

Ein Thesenfilm - und zugleich der witzigste der Berlinale: Barry Levinsons "Wag The Dog"VON JAN SCHULZ-OJALAVorgestern in den Tagesthemen: Saddam Hussein lächelt.Das Grinsen des Diktators - es könnte eine "Alles wird gut"-Botschaft an das irakische Volk gewesen sein oder an die arabische Welt oder gar deren Rest, angesichts des drohenden Krieges mit den USA.Wir wissen es nicht genau.Denn den Bildern fehlte die Tonspur - merkwürdig, nicht wahr? Enthalten sie überhaupt einen Beweis oder, seien wir bescheiden, den schlichten Hinweis, daß sie aktuell sind? Oder hat da jemand die Fighter-Fratze des Weltfinsterlings geschönt, die Mundwinkel auf Befehl nur geliftet? Anders gefragt: War das da auf dem Bildschirm eigentlich Saddam Hussein (die Doubles, die Multiples laufen doch heute überall auf der Welt rum)? Beziehungsweise: Gibt es diesen von den Secret Services der vereinten Welt nicht erlegbaren Bösewicht überhaupt, oder ist er vielmehr eine immer wieder nützliche Erfindung, Produkt der, sagen wir, amerikanischen Manipulationsindustrie? Man wird doch wohl mal fragen dürfen.Und im Falle Saddams denn doch nicht so weit gehen, schließlich hält der Mann seit Jahren die Produktionsrechte an sich selbst - fast so überzeugend wie weiland ein gewisser Hitler.Aber wer den Film "Wag The Dog" (etwa: Mit dem Hund wedeln) gesehen hat, weiß spätestens dann, wer - pardon! - der Schwanz ist: Leute, die zur Not auch schon mal einen Krieg inszenieren, um ihrem Auftraggeber die Macht zu sichern."Krieg ist Showbusiness!" Wer wüßte das besser als zum Beispiel ein "spin doctor" genannter Strippenzieher im Weißen Haus, der, warum eigentlich nicht, Hollywood einschaltet, nur um dem Präsidenten, der wegen einer Sex-Affäre kurz vor seiner Wiederwahl in der Patsche sitzt, doch noch in den Sattel zu helfen? Da kommt ein Krieg immer gut, wahlweise mindestens ein zünftiges Säbelrasseln. Als Barry Levinson Anfang Januar letzten (!) Jahres mit den Dreharbeiten zu "Wag The Dog" begann, Star-Autor David Mamet hatte Larry Beinharts Romanvorlage "American Hero" soeben den letzten Dialogschliff gegeben, da war das ein prophetisches Projekt: US-Präsident steht wegen Affäre mit junger Pfadfinderin am Pranger, eitler Filmproduzent erfindet Krieg mit Albanien, die Nation wird mit ein paar Fernsehbildern emotional in Reih und Glied gerückt, triumphale Wiederwahl des bedrängten Weltherrschers und Schluß.Als Clintons Affäre mit Monica Lewinsky und deren womöglich strafrechtlich relevante Vertuschung tagelang die US-Schlagzeilen beherrschte, lief "Wag The Dog" in Amerika gerade zwei Wochen im Kino - und bald durfte mit leichter Gänsehaut spekuliert werden: Hält sich Filmfan Clinton in Sachen Irak nicht arg phantasielos an das Kino-Drehbuch? Heute, da die Lewinsky-Geschichte dem Chefankläger Starr unter den Händen zerbröselt, mag man hinzufügen: War umgekehrt vielleicht die ganze Affäre eine Erfindung, um den Film in den US-Charts zu pushen - immerhin steht er dort auf Platz acht und hat mit 35 Millionen schon mehr als das Doppelte seiner Produktionskosten eingespielt? Alles ist möglich.Will heißen: Alles bleibt nur möglich.Also: Nichts ist wahr.Genauer: Wahr ist eben nur das Eventuelle, die Inszenierung, die Irreführung, der Fake, die Lüge.Und der Nutzen der Lüge: A nützt B, und B nützt A.Der Rest ist Simulation. "Wag The Dog" ist ein Thesenfilm.Ein wunderbarer Thesenfilm.Ein köstlicher Thesenfilm, zumindest solange er seine These - eher überzeugend als suggestiv - entwickelt.Und spannend: denn die Zuschauer sind Augenzeugen bei der Fabrikation der Lüge, und neben dem Vergnügen am sardonischen Vergnügen der Verfertiger an ihrer Lüge hat man seinen selbstkritischen Spaß: Würdest du, als Konsument der alltäglichen Irreführung, dies noch glauben? Ja, bestimmt.Aber ist nicht jenes schon so dick aufgetragen, wie es die Lügenfabrik ausgeheckt hat? Nein, eigentlich noch nicht.Aber doch wenigstens dies dritte? "Wag The Dog" stürzt einen in lustvolles Nachdenken über sich selbst - und ist das nicht das Schönste, was man über einen Film sagen kann? Nur postpostpostmoderne Kommunikationsphilosophen kommen nicht klüger aus diesem Film heraus, als sie hineingegangen sind.Alle anderen, selbst Wahlkampfmanager, werden durch ihn zumindest ein bißchen klüger. Der erste Geniestreich: Der Präsident ist unwichtig in diesem Film, ein Pappkamerad, der kein Gesicht, allenfalls einen Rücken hat; selbst die große Rede an das Volk simuliert der angeheuerte Mephisto im Oval Office selbst, und der Test für vor allem die weiblichen Tränendrüsen erweist sich als durchschlagend erfolgreich.Auch die Pfadfinderin, die den Präsidenten um seine moral majority zu bringen droht, findet nicht statt.Der Film verzichtet auf jegliche vordergründige Schlüsselloch-Perspektive, aus der sonst jeder zumindest einen Teil seines Kapitals schlagen würde.Der Schlamassel ist schon passiert, jetzt gilt es, ihn wegzuschaffen.Nicht aus der Welt, denn er ist offenkundig unleugbar, wohl aber aus dem Bewußtsein - und was ist die Welt anderes als der Begriff, den wir von ihr haben, als der Begriff, den andere uns von ihr machen? Und, siehe da, das Schlüpfen durch dieses Schlüsselloch der Erkenntnis ist weitaus aufregender. Robert De Niro, der wegen seiner Callgirl-Eskapaden ("Was war los? War was los? Macht die Pariser Polizei nicht vielleicht mit De Niro gemeinsame Sache, um das Interesse an dem von ihm mitproduzierten Film anzuheizen?" - "Setzen, eins, Herr Rezensent!") derzeit vielleicht selbst einen Ausputzer braucht, spielt den "spin doctor" des Präsidenten, Hauptfigur Nummer eins: undurchschaubarer Schmuddelkopp, bei dem Genie und Blödsinn unter einer Schädeldecke stecken.Die wahre Number One aber - man beachte die filmhistorisch wertvolle erste Begegnung der beiden Protagonisten unter der Sonnenbank - ist Dustin Hoffman als Hollywood-Produzent Stanley Motss ("Das T ist stumm").Erst in dritter Linie nämlich beschäftigt sich der Film mit den strohdummen Politikern, in zweiter mit den tumben Journalisten - in erster Linie ist "Wag The Dog" eine höchst selbstironische Satire auf den eigentlichen Think Tank dieser Welt, und der heißt Hollywood.Der Filmproduzent ist der wahre Regisseur, der zynische, genialische Retter in höchster Not, er inszeniert und manipuliert die Bilder, die wir abends in den Tagesthemen sehen - das Mädchen, das mit dem Kätzchen im Arm vor den albanischen Häschern flieht, den erschütternd hinter der Front verbliebenen US-Sergeanten Schumann, der im Fernsehen "Hab Mut, Mutter!" ruft und ein landesweites Herumgegospel nebst kollektiver Schuhwurfmode auslöst - aber sehen und lachen Sie selbst über dieses virtuelle Irrenhaus, in dem wir leben. Man wird ein bißchen müde nach der ersten halben Stunde von "Wag The Dog", weil eine These eben auch im Kino nicht 100 Minuten dauert, und manchmal wird es - vor dem beißendstmöglichen Schlußgag - auch ein bißchen albern.Doch lasset uns verzeihen: "Wag The Dog" ist der intelligenteste Film dieser Berlinale, und auch das Kluge hat, wie man weiß, seine schwachen Momente.Fehlt noch was? Ach ja, ob er wählen gehe, wird Dustin Hoffman, der Filmproduzent, einmal gefragt, schließlich will man vorweg kurz checken, auf welcher Seite er steht."Nur für die Oscars!" antwortet er.Letzte Woche nun hat die American Academy Dustin Hoffman nominiert.Als Hauptdarsteller? Möglich.Viel eher wohl, damit auch Produzenten endlich einmal einen Oscar kriegen.

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