Zeitung Heute : Exotische Heilkünste

Wie der Westen Asiatische Medizin missversteht

Tilmann Warnecke

Wenn ein indischer Ayurveda-Arzt ein Wellness-Wochenende in einem deutschen Hotel besuchte, würde er seine Heilkunst womöglich nicht wiedererkennen. Die Gäste entspannen sich bei Ayurveda-Anwendungen unter den Händen eines Masseurs, und einen Ayurveda-Tee trinken sie wahrscheinlich auch. Dass der Ayurveda-Arzt in Indien Krankheiten durch ein ausgeklügeltes System von Behandlungen vermeiden will, in dem Massagen und Tee nur zwei Bestandteile unter vielen anderen sind, bekommen die Gäste im deutschen Hotel nicht mit.

Ärzte traditioneller chinesischer Medizin oder Qi-Gong-Spezialisten wären sicher ähnlich überrascht, wenn sie sehen, wie ihre Heilmethoden in der westlichen Welt angewandt werden. „Das Thema Asiatische Medizin wird in den Medien zwar heiß diskutiert und auf dem deutschen Gesundheitsmarkt vielfältig angewendet“, sagt Mona Schrempf, Mitarbeiterin am Zentralasien-Seminar der Humboldt-Universität, „es gleitet aber oft entweder ins Esoterische ab oder wird auf rein Schulmedizinisches reduziert.“ Was passiert, wenn asiatische auf westliche Medizin trifft und wie verändern sich Heilmethoden in der anderen Kultur – diese Fragen sollen an einem neuen interdisziplinären Zentrum erforscht werden, das das Zentralasien-Institut demnächst einrichten will. „Es geht darum, die Globalisierung der Medizin aus sozialwissenschaftlicher und medizinischer Sicht zu untersuchen“, sagt Schrempf.

Wie diese Medizin-Globalisierung Heilmethoden verändert, lässt sich gut am Beispiel der Akupunktur beobachten. Schon 1951 wurde in Deutschland die erste Akupunkturgesellschaft gegründet – nach französischem Vorbild übrigens, nicht nach chinesischem. „In China ist Akupunktur Teil eines komplexen, Jahrtausende alten Systems, das Diagnose und Therapie individuell auf den einzelnen Behandelten abstimmt. Der Akupunktur gilt dabei gar nicht die Hauptaufmerksamkeit, statt dessen sind die chinesische Kräutermedizin und andere Therapieformen recht beliebt“, erläutert Schrempf. Heilen bedeutet vor allem Vorsorge betreiben. Das verdeutlicht eine gern zitierte Anekdote: In China gibt der Arzt Geld zurück, wenn der Patient krank wird – denn er hat vorher seine Aufgabe bei der prophylaktischen Behandlung schlecht gelöst. In Deutschland dagegen werde die Akupunktur auf ein vorhandenes Leiden und oft symptomorientiert angewendet, sagt Schrempf.

Hinsichtlich der Globalisierung und kulturellen Übersetzung der asiatischen Medizin betreten die HU-Wissenschaftler mit ihrem Vorhaben international Neuland. Bisher beteiligen sich an dem Projekt Sozialwissenschaftler vom Institut für Asien- und Afrikawissenschaften an der HU, Mediziner der Charité, Ethnologen der Freien Universität sowie asiatische Wissenschaftler und Universitäten. Langfristig soll ein Master-Studiengang zu dem Thema eingerichtet werden.

Die Wissenschaftler wollen nicht nur untersuchen, wie asiatische Medizin im Westen praktiziert wird. Schon im ersten Jahrtausend fand entlang der Seidenstraße ein reger Austausch zwischen griechischen, persischen, indischen, tibetischen und chinesischen Medizinsystemen statt. „Jetzt ist aufgrund der kolonialen Geschichte die westliche Schulmedizin auch in Asien die dominante Form der Medizin geworden, da sie durch staatliche Gesundheitssysteme unterstützt und verwaltet wird“, sagt Schrempf. Das läuft nicht immer ohne Komplikationen ab. So beruhen Vorsorgekampagnen gegen Tuberkulose und Aids auf Erkenntnissen, die in der nicht-westlichen Welt auf kulturell bedingte Verständnis- und Anwendungsprobleme stoßen können.

Und was ist nun besser – asiatische oder westliche Medizin? „Um besser oder schlechter geht es uns erst einmal nicht“, sagt Schrempf. Sie hofft vielmehr, dass durch akademischen Austausch „die Ärzte aus Asien und Europa endlich offen und interessiert aufeinander zugehen und zusammenarbeiten können“.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben