Zeitung Heute : Explosion findet nicht statt

KEVIN CLARKE

Eröffnungskonzert der RSB-Saison im Konzerthaus BerlinKEVIN CLARKEMit dunklen Locken und orangenem Kleid, leuchtend wie die aufgehende Sommersonne, kam sie hereingeweht, breitete lächelnd die Arme aus und begann zu singen: "Cuatro Madrigales Amatorios" von Joaquin Rodrigo und "Seis Canciones Castellanas" von Jesús Guridi.Reizende Kleinodien voll südländischer Sanges- und Musizierfreude, die, genau wie anschließend Ottorino Respighis immergrüne "Pini di Roma", den sehnsüchtigen Zuhörer an malerische Orte entführen wollen.Doch dazu kam es nicht.Das lag weniger an der spanischen Sopranistin Maria Orán, die wohl wußte, wie sie trotz scharfen Timbres die beschwingten Lieder ihrer Heimat wirkungsvoll zu interpretieren hat, als an Rafael Frühbeck de Burgos und seinem Rundfunk Sinfonie Orchester Berlin.Denn aller mediterraner Zauber, der den zum Auftakt der RSB-Saison im Konzerthaus ausgewählten Titeln innewohnt, prallte am selbsterklärten Ideal des Klangkörpers ab, "gewohnt gediegene Spitzenqualität" liefern zu wollen! Da konnte bei den vorliegenden Werken nur fade Folklore herauskommen - ordentlich gespielte Wunschkonzertnummern, ohne Glanz und Charisma.Mag das Marsch-Finale des Respighi-Tonpanoramas noch so laut und massiv gedröhnt haben - eine echte Explosion fand nicht statt.Und den vielen leisen Stellen fehlte der alles entscheidende schimmernde Zauber. Das gilt besonders auch für Debussys "Trois Nocturnes", mit denen der Abend begann.Von klanglicher Finesse und luxuriösem Schwelgen in erlesenen Instrumentalfarben dort ebenfalls kaum Spuren.Immerhin verströmten die Damen des Rundfunkchores als "Sirènes" (Einstudierung: Sigurd Brauns) wortlosen, verführerischen Gesang. Dessen ungeachtet kann Dieter Uhrig, der Orchesterdirektor, stolz verkünden, daß sich für die nun angebrochene Konzertsaison des RSB mehr Abonnenten als im Vorjahr gefunden haben, denen er eine "schöne Hörzeit" wünscht: Möge sie demnächst anbrechen.

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