Zeitung Heute : Explosiv

Mit jedem Tag der Moskauer Geiselnahme wächst die Anspannung. Die Rebellen drohen mit Erschießungen. Ihre Gefangenen appellieren an Putin, das Gebäude nicht zu stürmen. Der russische Präsident wartet ab.

Elke Windisch[Moskau]

„Grosa“ (Gewitter) – so lautet der Tarnname des operativen Plans für Alarmstufe eins, der seit Mittwochabend, als das Geiseldrama begann, in ganz Moskau gilt. „Theaterdonner“ wäre besser: Fluchend entleert eine Georgierin unter den strengen Blicken der Ordnungshüter ihre beiden Wachstuchtaschen: Salat, Kräuter und Auberginen kullern auf das Pflaster. Die Frau ist auf dem Weg zum Markt im Stadtteil Kunzweo im Nordwesten Moskaus, wo sie einen Verkaufsstand gemietet hat. Heute wird sie erst gegen Mittag ihre Kunden abfertigen können.

Nach ergebnisloser Durchsuchung muss sie mit aufs Revier, überprüft werden neben der Aufenthaltsgenehmigung auch der Pass, das russische Visum und das Zeugnis vom Gesundheitsamt. Befund: negativ.

Mit den scharfen Kontrollen will die Moskauer Polizei offensichtlich wieder wettmachen, was sie seit Mittwochabend an Prestige verloren hat. Schließlich fragt sich ganz Russland, wie die 50 schwer bewaffneten Geiselnehmer in das Musicaltheater im Südosten der Haupstadt eindringen konnten. Der russische Inlandsgeheimdienst FSB musste inzwischen kleinlaut zugeben, dass die Terroristen nicht nur mit Gewehren und jeder Menge Patronen bewaffnet sind, sondern auch mit Panzerfäusten und sogar Granatwerfen. Die Waffen erregten offenbar nicht einmal Anstoß bei den gut bezahlten Mitarbeitern einer privaten Sicherheitsfirma, die am Mittwochabend die Zuschauer des Musicals „Nord-Ost“ am Eingang kontrollierten. Sogar Metalldetektoren gibt es dort, aber die wurden offenbar nicht angeworfen. Aber nicht nur die Frage, wie die Geiselnehmer in das Konzertgebäude kommen konnten, macht viele Moskauer stutzig.

Die Geiselnehmer im „Kulturhaus der staatlichen Kugellager- und Kugelfabrik Nr. 1“ bedienen sich auch einer ungewöhnlichen Kommunikations-Strategie: Während Kidnapper in früheren Fällen noch versuchten, den Kontakt ihrer Geiseln mit der Außenwelt zu unterbinden, ermuntern die Geiselnehmer im Theater ihre Opfer regelrecht, zum Handy zu greifen. Das Ziel dieser Strategie ist klar: Die Außenwelt soll möglichst viel über die Motive der tschetschenischen Geiselnehmer erfahren, und es sollen keine Zweifel aufkommen, dass sie notfalls auch das Gebäude in die Luft sprengen würden. So berichtete der russische Komponist und Produzent des Musicals „Nord-Ost“, Georgi Wassili, dessen Vorstellung die Terroristen gesprengt hatten, seiner Frau am Handy: „Die Lage ist sehr gespannt. Alle Geiseln müssen sich im Zuschauerraum aufhalten. Sie bekommen kein Essen und nichts zu trinken. Der Orchestergraben dient als Toilette.“

Unterdessen gab der Anführer der Kidnapper, Mowsar Barajew, in der Küche des Theaters ein einsilbiges Interview. Auf den Fernsehbildern waren anschließend die Sprengladungen zu sehen, die seine Komplizen am Körper tragen.

Am Freitagnachmittag ging der Nervenkrieg weiter: Nach der Freilassung weiterer Personen drohten die tschetschenischen Kidnapper am Nachmittag an, mit der Erschießung von Geiseln zu beginnen, falls ihre Forderungen nicht erfüllt werden sollten. Gleichzeitig ließen sie aber wieder die Versorgung der Festgehaltenen mit Nahrungsmitteln zu.

Zuvor vergingen mehrere Stunden, bevor sich der Krisenstab im Kreml durchrang, die Ärzte zu bestimmen, die den Geiseln beistehen sollten. Die Geiselnehmer hatten auf Ausländern bestanden. Offensichtlich hatten sie befürchtet, dass Kämpfer der Elite-Einheit „Alfa“, als Ärzte getarnt, in den Saal hätten geschleust werden können und dort zumindest eine genaue Erkundung ihres künftigen Kampfschauplatzes vornehmen könnten. So aber mussten Geiseln mit chronischen Erkrankungen, darunter eine Epileptikerin und mehrere Asthmatiker, bis Freitagvormittag auf die überlebenswichtigen Präparate warten.

Offenbar nimmt Russlands Präsident Wladmir Putin die Drohung der Geiselnehmer ernst, das Gebäude zu sprengen, falls es gestürmt werden sollte. Deshalb rang sich der russische Staatschef auch zu einem Angebot an die Kidnapper durch: Russland will die tschetschenischen Rebellen in Moskau am Leben lassen, wenn sie alle ihre Geiseln freilassen.

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