Zeitung Heute : Export der Moorlandschaft

KATRIN BETTINA MÜLLER

Kunst aus Worpswede startet zu einer WelttourneeKATRIN BETTINA MÜLLERWorpsweder Bilder beruhigen.Bis heute haftet den Malern, die Ende des 19.Jahrhunderts die flache Moorlandschaft der akademischen Ausbildung vorzogen, die Aura der Wahrhaftigkeit an.Ihre Suche nach einer unverfälschten Natur schenkt dem Betrachter noch immer emotionale Teilnahme am schlichten Leben unter den weiten Himmeln.Die ästhetische Aneignung der Landschaft überbrückte das Potential sozialer Konflikte zwischen den gemalten Bauern, deren "gespanntes Gesicht der Arbeit" und "gedrücktes Herz" auch den Dichter Rilke rührte, und ihrem städtischen Publikum.Unter den vielen europäischen Künstlerkolonien der Vormoderne gehören die Worpswede zu den erfolgreichsten, nicht zuletzt durch ihr Nachleben im Tourismus. So ist das kleine Paket von Zeichnungen und Druckgraphik der Worpsweder, das vom Institut für Auslandsbeziehungen für eine weltweite Tournee geschnürt wurde, eine sichere Nummer für die Präsentation deutscher Kultur.Da kein Sammler und kein Museum seine Arbeiten als Leihgabe für eine so lange Bilderreise hergeben würde, muß das Institut die Werke erwerben.Zur Heldin der Worpsweder macht die kleine Ausstellung Paula Modersohn-Becker, die aus der Kolonie nach Paris aufbrach und als einzige den nächsten Schritt in die Moderne riskierte.Einige Aktzeichnungen dokumentieren mit sicheren Konturen ihren Weg zur Formvereinfachung.Der Freiheit ihres Strichs stehen Otto Modersohns Rötelzeichnungen am nächsten, in denen die windgezausten Bäume zur lebendigen Klammer zwischen Himmel und Erde werden. Den größten Teil der Schau bestreiten Mappenwerke mit Radierungen von Fritz Mackensen, Hans am Ende, Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler.Sowohl Vogelers märchenhafte Verzauberung von Wiesen und Gärten als auch die tintige Düsternis der Moorlandschaften Overbecks und Mackensens, die den Menschen festhalten und fast verschlucken, fanden zunächst ein Echo in der Arbeit der um viele Jahre jüngeren Paula.Aber mit dem wachsenden Spielraum ihres eigenen Lebens entkam sie auch diesem mystischen Sog. Nach dieser Ausstellung wird die Ifa-Galerie auch in den neuen Räumen in der Kirchstädter Straße ihr Programm mit Kunst aus Ost- und Mitteleuropa fortsetzen.Daß der Luxus der Kunst längst nicht immer und überall möglich ist und wie der Hunger nach Bildern trotzdem gestillt wird, erfährt man an wenigen Orten so unmittelbar wie hier. Ifa-Galerie Berlin, Neustädtische Kirchstraße 15, bis 4.Januar, Di-So 14 - 19 Uhr.

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