Zeitung Heute : Expressionismus in Ecclesia

INA BOCKHOLT

Entstaubt: Walter Hasenclevers angejahrtes Drama "Der Sohn" in der ParochialkircheINA BOCKHOLTWo könnte ein expressionistisches Theaterstück besser inszeniert werden als in einem klerikalen Raum? Wohl nur an solchem Ort lassen sich religiös verbrämtes Erlösungspathos, ekstatische Gebete und Visionen von einem befreiten Leben überhaupt noch ertragen.Als Regisseur Björn Mehlig das Drama "Der Sohn" von Walter Hasenclever am Freitag in der Parochialkirche einer Theatergemeinde vorführte, hatte er das schwülstig-naive Stück, so gut es ging, entstaubt.Vor allem ein wesentlicher Eingriff in den von Mehlig bearbeiteten Text machte die Inszenierung dieses historisch problematischen Stücks erst möglich.Denn anders als im 1914 veröffentlichten Drama, in dem das allgemeine Aufbruchsfieber für den Ersten Weltkrieg die überhitzte Sprache, den rauschhaften Individualismus und nicht zuletzt auch die Tötungsbereitschaft des behüteten Arztsprößlings zu verantworten hat, erschießt der Sohn den Vater am Ende nicht.Vielmehr trägt der ekstatisch brennende Rebell, gespielt von der kurzhaarigen Kertin Hänel, selbst von Beginn an eine tödliche Wunde auf der Stirn.So bekommt dann auch der Vater-Sohn-Konflikt eine neue Bedeutung. Statt einen radikalen Individualismus zu tarnen, der in der gewaltsamen Zerstörung alles Autoritären endet, wird die Geschichte eines bereits ermordeten Jünglings erzählt, der sich reanimieren läßt und sein Leben vom Vater zurückfordert.Damit so eine selbstbestimmte Auferstehung jedoch nicht nach Einträgen aus dem Teenagertagebuch klingt, muß sie gebrochen werden.Doch das gelingt nur manchmal.Vor allem dann, wenn Chris Urwyler in der Rolle des Freunds hier als sarkastisch-zynischer Kommentator auftritt und nicht wie in der Vorlage als ein Verführer, der sich ganz der revolutionären Sache verschrieben hat. Auch die eingestreuten Performance-Einlagen, bei denen sich Schauspieler in dicken Stoffstramplern verknoten, setzen Effekte, durch die manche im Text begründeten individualistischen Ausfälle kompensiert werden können.Doch hätten diese Mittel noch stärker gegen das Stück eingesetzt werden können, wie auch die expressionistische Sprache an manchen Stellen noch zu sehr trieft.Die Distanzierung von einer Rhetorik, die heute so unglaubwürdig klingt, überzeugt vor allem am Anfang, wenn die zerissenen Dialoge aus Lautsprechern in den Altarraum knallen.Aber mit der Vorliebe für Dekor und Lichteffekte entfernt sich die Inszenierung gar nicht weit von jenem angejahrten expressionistischen Theater des Ersten Weltkriegs. Parochialkirche, Klosterstraße 67, heute sowie 27.-30.11.und am 4.-7.Dezember.

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