Zeitung Heute : „Exzellente Forschung, exzellente Lehre“

Der amtierende Präsident Hans Jürgen Prömel im Gespräch mit der Chemikerin Vlasta Bonacic-Koutecky

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Herr Prömel, als Leiter der Exzellenzinitiative koordinieren Sie die Exzellenzaktivitäten an der HU. Mit welchen Themen geht die Universität in den Wettbewerb?

Prömel: Bei den Graduiertenschulen werden wir voraussichtlich sechs Projekte einreichen, die über die gesamte Universität verteilt sind und alle Forschungsbereiche umfassen. Bei den Clustern werden drei Projekte ins Rennen gehen. Eines – in enger Zusammenarbeit mit der Charité und starker außeruniversitärer Forschung – ist in den Lebenswissenschaften angesiedelt. Im Campus Mitte wird es einen Clusterantrag „Kreative Zerstörung“ geben, der zum gesellschaftlich relevanten Thema der strukturellen Übergänge innerhalb von Gesellschaften forschen wird. Am Campus Adlershof verbindet die HU mit dem Thema „Materialien in neuem Licht“ starke universitäre und außeruniversitäre Forschung. In der dritten Förderlinie werden wir uns mit einem Zukunftskonzept zur Nachwuchsförderung bewerben.

Bonacic-Koutecky : Aus Sicht einer an der Initiative beteiligten Professorin möchte ich hinzufügen, dass die Exzellenzinitiative Kollegen aus allen Bereichen der Universität mobilisiert hat, sich für beste Forschung einzusetzen.

Welche Chancen sehen Sie für die HU, wenn bundesweit in den kommenden Jahren insgesamt 1,9 Milliarden Euro ausgeschüttet werden?

Prömel: Wir sind uns dessen bewusst, dass es ein sehr harter Wettbewerb ist, denn alle Universitäten bereiten sich ernsthaft darauf vor. Aber wir wollen ganz vorne mitspielen, und unser Anspruch ist es, in allen drei Förderlinien erfolgreich zu sein.

Wie entsteht die Idee für ein Cluster oder eine Graduiertenschule?

Prömel: Derartige Projekte entstehen nicht aus dem Nichts oder auf Zuruf. Die Basis für ein Exzellenzcluster oder eine Graduiertenschule hat sich in der Regel über viele Jahre entwickelt. Wissenschaftler verschiedener Bereiche haben sich in Laufe der Jahre zusammengefunden, weil sie so besser interessante Themen erforschen können. Sie haben sich beispielsweise in Sonderforschungsbereichen (SFB) vernetzt, die durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und begutachtet werden. Solche nachgewiesenermaßen exzellenten Forschungsstrukturen haben sich an der HU zu Clustern zusammengeschlossen, in denen nun bis zu 100 Wissenschaftler versuchen werden, gemeinsam signifikante Beiträge zu einem Forschungsthema zu erarbeiten.

Bonacic-Koutecky: Wir müssen die Ausbildung für die Doktoranden attraktiver gestalten. Obwohl die Struktur der Graduiertenschulen in Deutschland bisher kaum gefördert wurde, hat die Humboldt-Universität seit etwa fünf Jahren die Idee verfolgt, mehrere Erfolg versprechende Graduiertenschulen zu gründen. Dieser neue Weg der Doktorandenausbildung soll strukturell dem angelsächsischen Modell ähnlich sein, jedoch größere Migrationspfade zwischen unterschiedlichen Forschungsgebieten fordern, um interdisziplinäre Teamarbeit zu ermöglichen.

Wie weit sind Sie dabei gekommen?

Bonacic-Koutecky: Mit dem Umzug der mathematisch-naturwissenschaftlichen Institute nach Adlershof konnten wir das dortige Potenzial zur Gründung der „International Graduate School on Structure, Function and Application of New Materials“ nutzen. Neu wird nun die geplante „Graduate School of Science AdlershofCampus+“ sein. Das „Plus“ steht für die besondere Struktur in Adlershof, nämlich die HU-Institute, die außeruniversitären Forschungsinstitute und die innovativen Unternehmen, die den Doktoranden eine umfassende Ausbildung von den Grundlagen der Forschung über die Anwendung des Wissens in Produkten bis hin zur Firmengründung anbietet.

Orientieren sich die Ideen der Universität am Markt?

Bonacic-Koutecky: Selbstverständlich, weil die Gesellschaft exzellenten wissenschaftlichen Nachwuchs braucht.

Prömel: Derartige Entwicklungen sind natürlich nicht monetär auszudrücken. Wir denken uns jedoch keine Projekte aus, um an Geld zu kommen, sondern wir werden versuchen, die Mittel zu nutzen, um gesellschaftlich relevante und für die HU interessante Projekte zu realisieren.

Bonacic-Koutecky: Davon wird auch unser Nachwuchs profitieren. Wir sehen Forschung und Lehre immer als Einheit.

Welche Ziele verbinden Sie mit Ihrer Akzentsetzung auf die Nachwuchsförderung?

Prömel: Erstens wurde die Nachwuchsförderung in den letzten 30 Jahren an deutschen Universitäten sträflich vernachlässigt. Hier besteht ein großer Nachholbedarf. Zweitens: Wenn man über exzellente Forschung nachdenkt, muss man über exzellente Nachwuchsförderung nachdenken. Und die fängt für mich nicht erst mit der Doktorandenförderung an. 16-Jährige muss man für die Wissenschaft begeistern, bei 26-Jährigen kann es schon zu spät sein. Drittens: Schließlich hat sich die HU in der Nachwuchsarbeit in den vergangenen Jahren zu einer führenden Universität in Deutschland entwickelt. Dies ist ein Pfund, mit dem wir in dem Exzellenzwettbewerb wuchern wollen. Wir werden daran arbeiten, dass die Humboldt-Universität zu der Universität für den wissenschaftlichen Nachwuchs in Deutschland wird.

Bonacic-Koutecky: Die besten Doktoranden sollen zeitig beste Bedingungen in der Forschung erfahren und ihre Ergebnisse in die Gesellschaft tragen, und durch diese Erfolge jüngere Studierende stimulieren.

Was passiert mit der über diese Mittel nicht geförderten Forschung?

Prömel: Die gesamte Forschung an der HU wird sich weiterentwickeln. Auch die nicht in Clustern geförderte Forschung wird weiter große Beachtung finden. Zudem kann exzellente Forschung ohne exzellente Lehre nicht existieren und umgekehrt. Daher sind wir unabhängig von den Förderungsmöglichkeiten im Exzellenzwettbewerb dabei, ein zukunftsweisendes Gesamtmodell für exzellente Forschung und exzellente Lehre an der HU zu entwerfen.

Was passiert mit einer Universität bei einem Geldregen von möglicherweise über 20 Mio. Euro pro Jahr?

Prömel: Wenn es hoffentlich dazu kommt, wird es ja kein Geldregen, der unerwartet über der Universität niedergeht. Wir haben Konzepte entwickelt und nach diesen werden wir die Mittel den Projekten zuweisen. Unabhängig davon, wie der Wettbewerb ausgehen wird, für die Zukunft der HU wird er von Vorteil sein.

Das Interview führten Angela Bittner und Axel Grehl. Mehr zum Thema im Internet unter www.hu-berlin.de/exzellenz

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