Zeitung Heute : Exzellenz für die Stadt

Ein Brief des Präsidenten der Freien Universität an die Bürgerinnen und Bürger Berlins

Die Freie Universität Berlin gehört seit einigen Tagen zu dem Kreis der wenigen deutschen Universitäten, deren Zukunftskonzepte im Rahmen des Exzellenz-Wettbewerbs für die deutschen Universitäten ausgezeichnet wurden. Zwei Gefühle begleiten uns seither: Dankbarkeit und Genugtuung.

Dankbarkeit. Wir sind dankbar für die Tatsache, dass die Freie Universität Berlin im gesamten Exzellenz-Wettbewerb unter allen deutschen Universitäten die größte Zahl an Bewilligungen in den Förderlinien aufweisen kann. Wir sind dankbar dafür, dass die Expertinnen und Experten in den Entscheidungsgremien die hohe Leistungskraft der Freien Universität Berlin in den Geisteswissenschaften, aber auch in den Naturwissenschaften gewürdigt haben. Wir sind dankbar dafür, dass die Mitglieder der Entscheidungsgremien sich nicht haben irritieren lassen von Interessenträgern, die gelegentlich gern ein anderes Ergebnis gesehen hätten, sondern dass sie sich nur einem Kriterium verpflichtet wussten: der Gewissheit. Denn dieser Wettbewerb stand auf zwei Fundamenten, durch die die neuzeitliche Wissenschaft spätestens seit der Aufklärung gekennzeichnet ist: Gewissheit über das, was ist, und über das, was sein wird.

Was bedeutet das? Es war zu entscheiden, welche Universitäten in der Vergangenheit die größten Erfolge und die größten Leistungssteigerungen aufweisen konnten. Die andere Gewissheit ist nicht empirisch, sondern sie basiert auf der Lebenserfahrung von Experten, die wissen, unter welchen Bedingungen und ob überhaupt eine Universität Zukunftschancen besitzt. Unser Konzept, die Freie Universität Berlin als Internationale Netzwerkuniversität auszuweisen und auszubauen, hat diese Überzeugungskraft gehabt.

Auf der Grundlage ihrer breiten internationalen Einbindung und Unterstützung, die die Freie Universität Berlin seit ihrer Gründung und wegen der Umstände ihrer Gründung erfahren hat, ist das Zukunftskonzept aufgebaut. Gleichgültig, wie man die Prozesse der zunehmenden Internationalisierung auch im Wissenschaftsbereich im Einzelnen bewertet, sie finden in jedem Fall statt. Das „Ob“ ist unserer Entscheidung entzogen, nicht aber das „Wie“. Wir haben entschieden, uns an der Entwicklung eines Weltwissenschaftssystems zu beteiligen.

Dieses nicht aus Überheblichkeit, sondern aus dem Verantwortungsgefühl, das gleichfalls aus einer Dankbarkeit resultiert. Dankbarkeit dafür, dass unter schwersten Umständen eine Universität mit internationaler Hilfe gegründet werden konnte, die unter der kommunistischen Bedrohung der damaligen Zeit nicht nur die akademische Freiheit in der Stadt verteidigt hat. Unser größter Dank gilt deshalb in diesen Tagen denjenigen, denen es verwehrt geblieben ist zu erleben, welchen Weg diese Universität gegangen ist. Gemeint sind die zehn Studenten, die für ihr Engagement in den Gründungsjahren der Universität vom sowjetischen Geheimdienst ermordet wurden.

Genugtuung: Das ist das Gefühl, dass der Einsatz dieser und vieler anderer Menschen nicht vergeblich gewesen ist, wie hoch der Preis dafür auch war. Nicht selten ist unsere Universität in die Kritik geraten. Nicht immer zu Recht, wie diejenigen fanden, die zu jenen Zeiten Verantwortung trugen. Die Ereignisse von 1968 und in den Folgejahren waren, auch wenn es oftmals anders wahrgenommen wurde, nicht durch die Freie Universität verursacht, sondern dadurch, dass eine ganze Generation der Verantwortungsträger für Krieg und Holocaust die Verantwortungsübernahme verweigerte.

Dass sich die politische Diskussion darüber insbesondere auf West-Berlin und dort auf die Freie Universität konzentrierte, lag durchaus in ihrem Gründungsverständnis. Diese Universität nämlich war es, die das humboldtsche Erbe in der Stadt bewahren und fortentwickeln konnte. Es ging um das Vermächtnis einer freien Wissenschaft. Das bedeutet allerdings auch, dass das, was in der Universität stattfindet, Wissenschaft sein muss und nichts anderes. Wo also sollten Reflexion und Diskurs stattfinden, wenn nicht in den Universitäten? Eine Beteiligung an Exzessen rechtfertigt dieser Auftrag allerdings nicht.

Der Freien Universität Berlin dafür die Verantwortung zuzuschreiben, war ungerecht. In vielen Medien geschah dieses leider sehr oft. Insofern konnte die Freie Universität auch nicht ausschließlich mit Genugtuung auf die Wende blicken, wenngleich dieses zweifellos der erste Impuls vieler Berliner war. Zu glauben, dass dieses die Stunde der Freien Universität sein werde, war naiv. Zu tief waren die Wunden, die die zurückliegenden beiden Jahrzehnte offenbar bei vielen hinterlassen hatten. So wird heute nachvollziehbar, was damals entschieden wurde: nämlich die Freie Universität nicht zu „der Berliner Universität“ zu machen. Dennoch haben viele Mitglieder dieser Hochschule gern und erfolgreich beim Wiederaufbau der Humboldt-Universität mitgewirkt, auch unter Verzicht auf viele Privilegien, die im ehemaligen Westen für die Freie Universität Berlin existierten.

So mag verständlich werden, warum neben der Dankbarkeit auch die Genugtuung im Rückblick auf die deutsche Nachkriegsgeschichte und die Rolle der Freien Universität darin das vorherrschende Gefühl ist. Die Auszeichnung in der Exzellenzinitiative zeigt, dass die historischen Leistungen dieser Universität gesehen worden sind, ebenso wie ihre Zukunftschancen. Wir freuen uns, dass die Zeiten der Missachtung und der Geringschätzung nun vorbei sind. Das gibt uns Kraft und Selbstbewusstsein.

Wir bieten unserer Stadt Berlin nun an, auch andere an unserem Erfolg partizipieren zu lassen. Das nun bewilligte Zukunftskonzept wurde von vornherein so angelegt, dass seine drei Säulen weit mehr tragen als die Zukunft der Freien Universität Berlin. Mit dem Zentrum für Clusterentwicklung werden wir die Expertise besitzen, Forschungsschwerpunkte weit über die Universität hinaus zu identifizieren und aufzubauen. Mit dem Zentrum für internationalen Austausch verfügen wir über eine kleine „Zentrale für auswärtige Wissenschaftsangelegenheiten“, von der aus unsere Filialen in aller Welt geführt werden. Gern stellen wir die Dienstleistung für andere Organisationen nicht nur aus dem Wissenschaftsbereich zur Verfügung. Und das Zentrum für Graduiertenschulen, die Dahlem Research School, ist schon am Tag ihrer Gründung als Mitglied der Berliner Allianz der Graduiertenschulen mehr als nur eine Einrichtung der Freien Universität Berlin gewesen. Der historische Wissenschaftscampus in Dahlem, auf dem so bedeutende Forscher wie Albert Einstein, Lise Meitner und Otto Hahn wirkten, ist ein würdiger Ort für die Ausbildung des Spitzennachwuchses der Wissenschaften in der Welt.

Dankbarkeit und Genugtuung, nicht Hybris und Selbstvergessenheit, sind zwei emotionale Orientierungen, die uns den Weg weisen werden, der Stadt zu dienen mit unserer Expertise in Forschung, Lehre und Wissenschaftsmanagement. Ich freue mich, wir freuen uns, inmitten dieser Stadt zu stehen, die immer zu uns gehalten hat.

Herzlich

Ihr

Dieter Lenzen,

Präsident der Freien Universität Berlin

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