Zeitung Heute : Fachkräfte sammeln

DIHK-Geschäftsführer Wansleben fordert, dass die Deutschen auch im Urlaub Weiterbildungskurse belegen sollen. Andererseits arbeiten die Deutschen inzwischen eine Stunde mehr pro Woche als noch vor drei Jahren. Wie passt das zusammen?

Er stockt kurz, mit dieser Frage hat er wohl nicht gerechnet. Ein verlegenes Lächeln, dann die Antwort: „In meinen Ferien lese ich englischsprachige Krimis“, sagt Martin Wansleben. Damit könne er seine Fremdsprachenkenntnisse verbessern. Wenige Minuten zuvor hat der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags im Fernsehsender n-tv noch gefordert, dass sich deutsche Arbeitnehmer häufiger fortbilden müssen. „Sehr wohl sollte der ein oder andere einen Samstag oder einen Urlaubstag für eine Weiterbildung opfern“, sagte Wansleben. Deutschlands Arbeitnehmer hätten ohnehin genug Ferien.

Mit 40 Urlaubs- und Feiertagen pro Jahr liegt Deutschland tatsächlich auf Platz zwei in Europa. Nur in Schweden haben Arbeitnehmer mit durchschnittlich 42 Tagen mehr Freizeit. Das geht aus einer Studie des Europäischen Instituts zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen in Dublin hervor.

Trotzdem wird die Aufregung beim Bundesverband der Träger beruflicher Bildung nicht ganz verstanden: „Das sind doch die üblichen Arbeitgeberparolen im Sommerloch“, sagt der Vorsitzende Rudolf Helfrich. Es könne nicht nur an den Arbeitnehmern liegen, sich fortzubilden. „Klar, wenn ein Arbeiter am Fließband sein Business-Englisch verbessern will, dann muss er das in seiner Freizeit tun“, sagt Verbandschef Helfrich. Aber jede Weiterbildung, die dem Unternehmen weiterhelfe, müsse während der Arbeitszeit stattfinden.

Bund, Länder und Unternehmen müssten verstärkt auf Weiterbildung setzen. Und Arbeitnehmer müssten in Zukunft besser aufgeklärt werden, wie und wo sie sich weiterbilden können. „Wir müssen versuchen, unsere Beratung zu verbessern, da bin ich durchaus selbstkritisch.“

Es mangle an Fachkräften in Deutschland, heißt es in Wanslebens Verband. „Wir produzieren in Deutschland hochwertige Produkte und müssen immer auf dem neusten Stand der Technik sein“, sagt Knut Diekmann, Weiterbildungsreferent der Industrie- und Handelskammer. Bei hochqualifizierten Arbeitnehmern würden einige Tage Fortbildung pro Jahr ausreichen, das ließe sich locker am Wochenende oder in der Ferienzeit meistern, ist sich Diekmann sicher.

Doch bei den meisten Arbeitnehmern wird sich die Weiterbildung nicht mal eben am Wochenende oder in den letzten Ferientagen machen lassen: „Eine Qualifizierung zum Bilanzbuchhalter dauert beispielsweise ein gutes halbes Jahr“, sagt Rudolf Helfrich.

Auch Hartmut Seifert, der Leiter des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der den Gewerkschaften nahestehenden Hans-BöcklerStiftung, hält wenig von Wanslebens Ideen: „Gerade in Deutschland hat die Wochenarbeitszeit in den letzten Jahren so stark zugenommen wie in keinem anderen Land der EU“, sagt er.

Immer häufiger würden Unternehmen in Deutschland die Wochenarbeitszeit erhöhen. Bei Siemens im Werk Kamp-Lintford kletterte die Arbeitszeit von 35 auf 40 Stunden pro Woche, doch ohne Erfolg, das Werk wurde verkauft, und dem neuen Betreiber ging nach kurzer Zeit das Geld aus. Das bestätigt auch das Statistische Amt der EU (Eurostat) mit Sitz in Luxemburg. Laut einer neuen Studie wird in Deutschland 41,8 Stunden pro Woche gearbeitet, damit liegen die deutschen Arbeitnehmer auf EU-Niveau, Tendenz steigend.

Für Martin Wansleben geht es jedenfalls in der übernächsten Woche für 14 Tage in den Urlaub an die Ostsee. Mit im Gepäck ein Stapel Bücher, natürlich auf Englisch.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben