Zeitung Heute : Fachkräftemangel: Schluss mit der Kritik

Stefan Reinecke

Die Fakten sind klar. Seit 1996 vergrößert sich der Abstand zwischen West- und Ostdeutschland wieder. Im Westen gibt es mehr Investitionen und weniger Arbeitslose, im Osten verläuft der Trend andersherum. Und: Die Abwanderung aus dem Osten nimmt ziemlich rasant zu. Diese beiden Prozesse haben einen unschönen Nebeneffekt: Sie verstärken sich gegenseitig. Wenn es in der Nähe keine Arbeit gibt, wandern die Leute ab - und zwar meistens die Mobilen, Qualifizierten. Aber wenn die Mobilen, Qualifizierten abwandern, sinkt die Bereitschaft, dort zu investieren. Eine Spirale nach unten.

Ist es wirklich so schlimm? Ja und nein. Nein, weil die Rede von "dem Osten" als homogenem Gebiet falsch ist. Denn dort existieren Boom-Gegenden neben Landstrichen, die sich langsam entvölkern: Leipzig liegt, ökonomisch, bei Hannover, nicht bei Bitterfeld. Doch aufs Ganze gesehen driften Ost und West auseinander.

Wolfgang Thierse hat kürzlich gesagt, der Osten stehe "auf der Kippe". Damit hat er gegen ein heiliges Polit-Gesetz verstoßen: nie kritisieren, wenn man selber regiert und keine Lösung in der Tasche hat. Entsprechend war die Reaktion, von Biedenkopf bis Stolpe: Thierse habe ein falsches Zeichen gesetzt, überspitzt und polemisch. Jetzt hat Thierse nachgegeben, ein bisschen. Die Formulierung "auf der Kippe" würde er nicht wieder verwenden. Ist er also umgefallen? Hat er seinen analytischen Verstand dem marktüblichen Politsprech geopfert?

An seiner Analyse hält Thierse fest, es geht nur um das Wort "auf der Kippe", nur um das Bild, den Sound. Wer auf der Kippe steht, fällt der nicht bald? Verschrecken solche Bilder nicht Investoren? Auch der ansonsten kluge Ministerpräsident Höppner aus Sachsen-Anhalt will lieber die Aufbruchsstimmung im Osten in den Mittelpunkt rücken. Wer im Osten verantwortlich ist, hat wenig Lust sich erst die trüben Arbeitslosenzahlen anzuschauen und dann noch den Osten schlecht reden zu lassen.

Man kann das ja verstehen - trotzdem ist Thierses Korrektur falsch. Denn sie folgt dem Motto: Wenn die Fakten schon mies sind, brauchen wir wenigstens bessere Stimmung. Doch es ist nicht der Job von Politikern, mit hübschen Worten zögernde Unternehmer anzulocken und ängstliche Wähler zu beruhigen. Politiker müssen, wollen sie "glaubwürdig" sein, Bedingung und Ziel nennen. Für den Osten heißt das: Wie der Trend umgedreht werden kann, ist unklar. Klar ist nur: Es dauert lange. Und es kostet, 300 Milliarden Mark nur für die Infrastruktur. Doch solche Wahrheiten beiseite zu schieben, weil es gerade nicht passt, den Fortschritt wortreich zu loben, den Rückschlag zerknirscht zu verschweigen - das hat im Osten, nach Honecker und Kohl, Tradition. Mit diesem Paternalismus, mit dieser fürsorglichen Entmündigung hatte Thierse gebrochen. Er hatte die Tür aufgemacht. Jetzt ist sie wieder halb zugefallen.

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