Zeitung Heute : Fachlich solide und kostengünstig

HELGA BALLAUF

Die vier neuen Lehrberufe für die IT-Branche sind gefragt / Viele "Umwidmungen"VON HELGA BALLAUFSpezialisten für Service und System sollen sie sein, technisch ebenso versiert wie kaufmännisch: Der Start der Ausbildung in vier neuen Berufen für Informations- und Kommunikationstechnik (IT) im vergangenen Jahr war mit hohen Erwartungen verbunden.Jetzt liegen erste Erfahrungen vor. Etwa 4200 Berufsanfänger haben im Herbst 1997 eine dreijährige Lehre zu Informatikkaufleuten, IT-Systemkaufleuten, Fachinformatikern oder IT-Systemelektronikern begonnen.Etwa jeder vierte Azubi begann in einem Betrieb, der bisher noch nie ausgebildet hatte, schätzen Branchenbeobachter.Das Angebot an Lehrstellen wird weiter zunehmen; mit den Informationen über die neuen Chancen wächst auch das Interesse der Jugendlichen."Wir haben eine echte Lücke getroffen", stellt Michael Ehrke, der für die IG Metall die Berufsbilder mitgestaltete, zufrieden fest.Die Fachleute aus Unternehmen, Gewerkschaften und Kultusministerien mußten für die IT-Berufe an den beiden Lernorten Betrieb und Berufsschule viel Neuland beackern.Ihre Vorgaben sehen so aus: Alle vier Berufe bestehen zu 50 Prozent aus gemeinsamen Kernqualifikationen, die im Lauf der dreijährigen Lehre in enger Verschränkung mit den berufsspezifischen Fachinhalten vermittelt werden; die Betriebe setzen eigene Ausbildungsschwerpunkte; die traditionelle Trennung zwischen kaufmännischer und gewerblicher Ausbildung ist aufgehoben. Konkret: Informatikkaufleute sorgen als Systemfachkräfte in Industrie, bei Banken, Versicherungen, im Handel, in der öffentlichen Verwaltung und im Gesundheitswesen dafür, daß die Betriebsabläufe optimal vernetzt, daß Arbeits- und Rechnerprozesse aufeinander abgestimmt sind und daß die Systeme nicht abstürzen.IT-Systemkaufleute stellen in Systemhäusern aus vorhandenen Komponenten Softwarelösungen für die Kunden zusammen.Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Vertrieb und Marketing, Kalkulation, Service und Schulung.Fachinformatiker können sich auf Anwendungsentwicklung - also auf die Realisierung von Individualsoftware oder auf die Netzwerkbetreuung - spezialisieren.IT-Systemelektroniker schließlich planen Systeme, installieren und warten sie - von Geldautomaten bis zu technischen Netzen. In der Praxis ist die Trennschärfe zwischen den vier Berufen keineswegs so klar wie hier beschrieben.Einen Trend beschreibt Roland Schick, der federführende Sachverständige der Bundesländer aus dem Stuttgarter Kultusministerium: "Der Fachinformatiker als der Querschnittsberuf wird ein Renner." Die Großen der Branche - SNI, IBM, Hewlett Packard, Siemens, Deutsche Telekom - mischten kräftig bei der Gestaltung der neuen Qualifizierungskonzepte unterhalb des Hochschulniveaus mit.IBM-Sachverständiger Hans-Peter Cinka erläutert den Hintergrund: "Inzwischen nehmen in der IT-Branche die vielfältigen Standardarbeiten zu.Dafür müssen keine Akademiker eingesetzt werden.Wir brauchen einen soliden und kostengünstigen Mittelbau.Wer sein Auto zur Wartung in die Werkstatt fährt, braucht auch keinen Kfz-Ingenieur!" Abzusehen sei, fügt Cinka hinzu, daß es zwischen Facharbeitern und Absolventen der Informatik-Studiengänge an Fachhochschulen und Universitäten "zu einem umgekehrten Verdrängungswettbewerb kommt." Selbst die aktuelle Lehrstellenstatistik verbessert sich durch die IT-Berufe nur zum Teil: Viele der 4200 "neuen" Plätze im Ausbildungsjahr 1997 / 98 sind Umwidmungen: Wo jetzt IT-Systemelektroniker ausgebildet werden, behalf man sich vorher mit Kommunikationselektronikern.Bei den Informatikkaufleuten gab es den Vorläuferberuf "DV-Kaufmann".Qualitativ hat sich vieles verbessert, loben unisono die Ausbildungsbeauftragten großer und kleiner Firmen.Ulrich Schniedermeier, Personalleiter bei der Markt- und Kühlhallen AG ist begeistert davon, "daß jetzt auch die Prüfung projekt- und nicht mehr fächerorientiert abläuft.Das entspricht viel mehr den betrieblichen Anforderungen, die schon vom DV-Azubi ein Verständnis des Gesamtzusammenhangs verlangen." Bei IBM wird ein Gutteil der Ausbildung in die Fachabteilungen zurückverlagert, berichtet Hans-Peter Cinka.Liefen bei den Kommunikationselektronikern noch vier Fünftel der Berufsvorbereitung in der Lehrwerkstatt ab, sind die Fachinformatiker jetzt im ersten Ausbildungsjahr zu gleichen Teilen in der Berufsschule, in der Lehrwerkstatt und in der Fachabteilung.Dort werde dann fast das gesamte dritte Lehrjahr gearbeitet, erklärt Cinka. Bei SNI spielte das praxisnahe Lernen schon immer eine große Rolle, berichten Simone Dörlinger (München) und Heinz-Dieter Voskamp (Paderborn).Der Konzern bildet auch im Auftrag kleinerer Firmen aus und hat eine eigene, staatlich anerkannte Berufsschule.Der Lernort Schule ist wichtig; drei Jahre Ausbildungszeit sind nicht zu viel, darüber herrscht Einigkeit in der Branche.Selbst Abiturienten, die mit einer IuK-Ausbildung beginnen, erhalten nur selten Lehrzeitverkürzung. Rundum Zufriedenheit also? Zwei Wünsche hat Gewerkschafter Michael Ehrke.Er möchte, daß mehr Ausbildungsverbünde entstehen, in denen kleine und mittlere Firmen gemeinsam Lehrlinge betreuen und ein hohes Qualifizierungsniveau sicherstellen.Außerdem hofft er, daß viel mehr junge Frauen als bisher in die kunden- und anwendernahen IT-Berufe einsteigen.

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