Zeitung Heute : Fahrende Gesellin

ECKART SCHWINGER

Doris Soffel singt Mahler und Strauss in der Deutschen OperECKART SCHWINGERDie meisten kennen sie in Berlin weniger in der festlichen Abendrobe, die sie in der Bismarckstraße für ihren Liederabend gewählt hatte, sondern zum Beispiel eher im feschen Look der zwanziger Jahre, in dem sie als Bartóks unbeugsame Judith in "Herzog Blaubarts Burg" auf der Bühne der Deutschen Oper in Erscheinung tritt und das Seelendrama dieser fesselnden Frauengestalt auslotet.Daß es Doris Soffel auch als Liedsängerin um ein psychologisch sehr differenziert aufgefächertes Musizieren geht, machte sie nun mit ihrem Mahler-Strauss-Abend in der Deutschen Oper deutlich.Den leidvoll-resignativen Mahler-Liedern begegnete sie mit hintergründigen Einfärbungen und hoher Deklamations- und Schattierungskunst.Die dabei auf eigentümliche Weise dezent verschattete, in den tiefen Registern besonders ergiebige und variable Mezzosopranstimme nahm nicht zuletzt bei den von "Lieb und Leid und Welt und Traum" redenden "Liedern eines fahrenden Gesellen" für sich ein. Da fielen ein erhabener, zunächst auch ein etwas unnahbarer Duktus auf, stimmlich klug gestaffelte, weitgezogene Linien, eine beeindruckende Kultur und Atemtechnik.Sogleich dem ersten Lied "Wenn mein Schatz Hochzeit macht" eignete auch eine schöne poetische Atmosphäre.Die innere Zerrissenheit der Mahlerschen Bilder kam dagegen nicht immer ganz spontan herüber.Da fehlten bisweilen doch etwas die letzte Tiefenschärfe, die beunruhigend bohrende Ausdruckskraft, die in heilsame Unruhe versetzt.Da war einiges zu intellektuell durchgestaltet, zu sehr kontrolliert, trat die intuitive Schau spürbar in den Hintergrund.Bei den Richard-Strauss-Liedern, die nun ihrerseits nicht durchweg unter die Haut gehen, gewann die so geschmackvoll und überlegen geführte Stimme von Doris Soffel einen immer individuelleren, elastischeren, lockeren Tonfall.Da waren ein immer schöneres Espressivo, eine leichte Brillanz zu vernehmen.Donald Sulzen begleitete Doris Soffel nicht lediglich, sondern gestaltete detailgenau und intensiv mit.Sein klangfarbenfreudiges Klavierspiel ersetzte mitunter fast ein kleines Mahler- oder Strauss-Orchester.

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