Zeitung Heute : Fahrten ins unglaubliche Leben

Markus Feldenkirchen

Zu dem Mann im weißen Hemd blickt er nicht. Dabei steht das Pappschild hinter dem er sitzt, auf dem handgeschrieben "RA Dr. Gysi" steht, nur fünf Meter von dem Mann im weißen Hemd entfernt. Rechtsanwalt Gysi studiert versunken das Protokoll der Vernehmung. Die Richterin im Saal des Landgerichts Frankfurt Oder hat mit der Befragung des Angeklagten schon begonnen. "Denn hab ick se im Auto erwürcht", hat der Mann im weißen Hemd laut Vernehmungsprotokoll gestanden. Gysi liest, notiert. Von vorne sieht es aus, als habe er die Augen geschlossen. Dann wandert sein Blick durch die neonbelichtete Kühle des Raumes, verharrt auf den mächtigen Milchglasscheiben, aus denen man nicht schauen kann, weil das hier eine geschlossene Welt ist, in die man nur durch einen Metalldetektor am Eingang gelangt.

Zwei Mal die Woche verlässt Gregor Gysi zurzeit die Hauptstadt, in der eifrig sondiert wird, wer sie künftig lenken darf oder muss, in der Gysi selbst mitsondiert, weil er ja nicht ganz unwichtig ist und nach seinem Wahlerfolg mit der PDS bald noch wichtiger sein könnte, wenn man sich traut, ihn zum Senator zu machen, was eben sondiert werden muss. Zwei Mal die Woche aber macht Gregor Gysi eine Fahrt an den Rand der Gesellschaft.

Hohes Gericht. Ich hätte da noch ein paar Fragen. Der achte Verhandlungstag im Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder von Ulrike, jenem zwölfjährigen Mädchen, dessen grausiges Schicksal auch deshalb so bekannt wurde, weil es sich in ein Bild fassen ließ: das Fahrrad im Schnee. Die Fragen vor dem Hohen Gericht haben nichts mit Politik zu tun, nichts mit Koalitionspokerei. Andere Fragen. Ob der Angeklagte Stefan J. noch einmal "pullern" musste, wie J. es nennt, auf seiner Fahrt mit dem gestohlenen Auto nach Eberswalde. Es geht darum, wie viele Dosen Bier und Flaschen Schnaps er am Tattag, dem 22. Februar, getrunken hat. Es geht um Ulrike, ihre Eltern, die auch acht Monate nach der Tat nicht verstehen können, was mit ihrer Tochter geschehen ist und warum, und die jetzt hier als Nebenkläger neben Gysi sitzend Antworten suchen.

Man hat ihn nicht ganz fair behandelt, als es hieß, Gysi, der Anwalt der Nebenkläger, nutze das Medieninteresse am Prozess, um noch mehr Aufmerksamkeit für den Wahlkämpfer Gysi zu erheischen. Aber: Gysi hat sich nicht um das Mandat bemüht, hat es angenommen, als noch niemand in Berlin mit Neuwahlen, schon gar nicht mit seiner Kandidatur rechnen konnte. Er hat den Eltern angeboten, sich einen neuen Anwalt zu suchen, bevor er sich in den Wahlkampf stürzte. Sie lehnten ab, und heute gibt es keinen Prozess-Beteiligten, der sagt, Gysi habe seine Aufgabe nicht ernst genommen.

Wenn Richterin Hecht wieder eine der vielen Verhandlungspausen verordnet, verlässt Gysi meist den Saal, läuft zur Empore, fingert sich eine Marlboro aus der Packung, klappt sein Telefon auf, das in Gysis Fall auch Computer und Terminplaner ist. Dann liest er die Nachrichten über den Stand der Koalitionssondierungen, schreitet rauchend und lesend auf und ab. Unten sichern Leibwächter die Distanz. Gysi telefoniert während der Gerichtsverhandlungen nicht mit den PDS-Kollegen. "Das kann ich gut trennen", sagt er, haut mit der Handkante eine Linie in die Luft. "Irgendwie", sagt Gysi, "verbindet, ja ergänzt sich beides." Das Gericht, die Regierung; die Justiz, die Politik. In beiden Bereichen schlummert etwas, das Gysi im jeweils anderen fehlt. Früher, als es ihn noch nicht als Polit-Entertainer gab, habe er als Anwalt immer das Bedürfnis gehabt, Großes zu bewegen, die Gesellschaft als Ganze. Heute, als Politiker, fehle ihm gerade, dass er in Einzelfällen gar nicht mehr helfen könne. "Das Verführerische an der Politik ist ihre Abstraktheit, mit der man sich leicht dem Kronkreten des Lebens entziehen kann", sagt Gysi. Gerade in solchen Prozessen aber stecke eine "unglaubliche Konkretheit des Lebens".

Ulrikes Eltern sollen durch den Prozess lernen, mit dem Verlust umzugehen, um das Leben wieder leben zu können. Das ist sein Ziel. In gewisser Weise ist Gysi aber auch Teil der Mission der Eltern, die nicht nur für ein gerechtes Urteil, sondern auch dafür kämpfen, dass ihre Tochter nicht vergessen wird. Nicht als Nummer in der Kriminalitätsstatistik verloren geht. Deshalb Gysi. Er erfüllt die Aufgabe des Medienanziehers wie bestellt und schützt die Eltern Brandt zugleich vor der Öffentlichkeit, ermöglicht ihnen, dem Prozess ohne größere Ablenkung zu folgen. Das war schon am ersten Prozesstag so, als ein Dutzend Kamerateams gekommen war, um den natürlichen Voyeurismus der Menschen mit Betroffenenbildern zu befriedigen. In der Mittagspause ging Gysi deshalb an die Kamerafront, während die Eltern ungestört an der Traube vorbeigehen konnten.

Dann wieder tröstet Gysi die Seelen dieser Eltern, immer dann, wenn sie hören müssen, was mit Ulrike am 22. Februar geschah. Wenn aus der hastig mitschreibenden, um Sachlichkeit kämpfenden Mutter doch ab und zu die Trauer hervorbricht. Wenn der Vater, dessen Körper so unter Spannung steht, dass er jeden Moment aufzuspringen droht, laut in den Saal ruft, weil sie raus muss, die Wut, "Sie sollten sich schämen!", dann lehnt sich Gysi nach rechts zu den Eltern, erklärt, beruhigt.

Gysi spielt in Frankfurt nicht den blendenden Entertainer wie in Berlin als Politiker. Er argumentiert präzise, sachlich, hellwach, arbeitet so die zahlreichen Widersprüche aus den Vernehmungsprotokollen des Mannes im weißen Hemd heraus. Allein sprachlich bereichert Gysi den Prozess. Da zeigt sich die Hilflosigkeit der gestanzten Verwaltungssprache, wenn Menschen aus dem Umfeld des Täters in den Zeugenstand treten, Menschen aus einem Milieu, das gern sozialer Brennpunkt genannt wird. Gysi ist der Einzige im Saal, den diese Menschen wirklich verstehen. Er lässt sich auf sie ein, spricht ihre Sprache, öffnet Wege zu Gedanken und Erinnerungen, die sonst verborgen blieben. Auch der Täter im weißen Hemd versteht Gysi, antwortet brav, wenn der ihn fragt, meistens, was er sonst nicht macht. Eine Beobachterin sagt, Gysi trage zum richtigen Ton der Verhandlung bei.

Der aber weiß, dass es hier am Ende, wenn das Urteil gefällt ist, keinen Sieger geben wird. Weil alles viel zu traurig ist. Viel trauriger als die Politik, als Stadtverschuldung, als Bankenskandale. "Hohes Gericht, keine weiteren Fragen." Ende des achten Tages. Gysi spricht die Termine für die nächste Woche ab. Dann verlässt er das Landgericht - auf dem Weg zurück in die Politik. Wenn es stimmt, was er eben noch über seine Rolle im Ulrike-Prozess im Vergleich zu seiner politischen Arbeit gesagt hat, dann müsste er jetzt gerade zufrieden sein: "Das hier hinterlässt vorübergehend den Eindruck, etwas Sinnvolles zu tun", hat er da gesagt.

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