FAKTEN : Chaitén Die Asche über

In Island bricht der Grímsvötn aus, doch zum Glück kommt nur der Flugverkehr zum Erliegen. Nicht so in Chaitén, einem kleinen Ort im Süden von Chile. Vor drei Jahren entpuppt sich dort ein nahe gelegener Berg als Vulkan, und der Ort wird ausgelöscht. Über das Leben nach dem Leben

Text: Erwin Koch[Fotos: Francisco Negroni]

In Chile gibt es etwa 100 Vulkane, die während des Quartärs mindestens einmal aktiv waren. Der überraschende Ausbruch des Chaitén im Mai 2008 (l.) war der schwerste seit 20 Jahren. Der Vulkan ist nach wie vor seismisch aktiv. Wissenschaftler gehen davon aus, dass er erneut ausbrechen kann. Die Regierung setzte vor einem Jahr die Gefahrenstufe wieder auf Rot hoch.

An manchen Morgen, er weiß nicht weshalb, überfällt Juan Neil, den alle el Turco rufen, ein Fieber, er nennt es Herzweh. Dann zieht er die hohen Stiefel an, die alte fleckige Windjacke und streunt, als wäre er ein Hund, ruhelos durch den Ort, der ihn gebar vor 60 Jahren, Chaitén am Golf von Corcovado, Patagonien, ein Geisterdorf. Seine Frau, die Küchenschürze am Leib, darauf bunte Beeren und Blumen, schaut ihm nach, sie schweigt, nun kommt er so bald nicht wieder.

Aber das Haus ist doch fort!, pflegt sie zu schimpfen, wenn sie nicht schweigen will, Juan, es ist sinnlos, noch länger zu suchen. Das verstehst du nicht!, knurrt er und zieht die Windjacke enger, die er trug, als seine Welt unterging am 2. Mai 2008.

Seit Tagen hatte die Erde gefaucht und gezittert, nichts Besonderes in diesem Land, hatte Juan gedacht, wo tausend Vulkane sind und irgendwelche Platten, die sich aneinander stoßen, tief im Innern des Planeten, ein Geräusch, als stapfte ein Riese mit weiten Schritten südwärts, dumpf, aber entschlossen.

María Hortensia zündete eine Kerze an, stellte sie auf den Tisch im Wohnzimmer, Calle Pillan 92, Ecke Diego Portales, und sprach drei Vaterunser.

Fahr morgen nicht hinaus, sagte sie, bitte.

Und wovon leben wir?, fragte er.

Als er am 2. Mai 2008, 9 Uhr morgens, vom Fischen kam, nur wenig Beute im Eimer, zwei kleine Seehechte, ein Meeraal, und sich unter die Dusche stellte, stöhnte die Erde plötzlich auf, heftiger als zuvor, Juan ging in die Knie und begann laut zu zählen, Schlag nach Schlag, und der Sohn, der in der Küche saß, lärmte, Papa, hör auf zu zählen, du machst dich zum Narren.

Juan Neil kam bis 18. Er zog sich an und rannte, das lange schwarze Haar noch nass, aus dem Haus, das nicht mehr ist, hinaus auf die Calle Pillan, hinunter an die Avenida Corcovado, die breite schöne Küstenstraße, Menschen standen dort, hunderte, manche weinten.

Die Kontinentalplatten!, sagte Manuel Llanos, Schlosser an der Pedro Aguirre Cerda, einer der Ältesten im Ort, 4000 Einwohner, Tourismus, etwas Fischerei und Landwirtschaft, ein Hafen, ein Flugplatz, Hauptstadt der Provinz Palena in der zehnten Region der Republik Chile.

Aber es klingt anders als sonst, sagte Elias Meza, der am Dorfrand eine Diskothek betrieb, Discoteca Mega, Salon de Eventos, der Pisco Sour für 2000 Pesos.

Juan Neil, el Turco, der Türke, in die Jacke gehüllt, die er seit Jahren trägt, verlässt das Haus, das ihm nicht gehört, eine Hütte aus Holz, bedeckt mit Blech, und stapft in die Welt, die noch übrig ist. Hügel von Schutt und Asche türmen sich in den Straßen, Drähte hängen von schiefen Stangen, Kandelaber, geknickt wie morsches Holz, liegen im Dreck.

Es regnet in Chaitén, vier Grad Celsius. Juan schaut hinaus auf das Meer, den grauen Schlick, der nun die Bucht füllt, und sieht die Dächer einiger Häuser aus der Brühe ragen, fortgeschwemmt wie luftige Schachteln. Er blickt sich um, weiß nicht wohin, schleicht zur Tankstelle, liest am Lastwagen, der hier steht seit dem Mittag des 2. Mai 2008, ein Chevy C 60. Der Letzte, der in Chaitén tankte, kaufte 59 Liter, Precio pro litro 532 Pesos. Jetzt kostet der Liter Benzin, hergekarrt aus La Junta, 160 Kilometer weit, fast das Doppelte. Juan krümmt sich zum Schauglas der Säule und sieht, was jemand mit spitzem Finger in den Staub schrieb, te quiero, Chaitén, no te olvidaré, ich liebe dich, Chaitén, ich werde dich nicht vergessen.

Aber das Haus ist fort.

Sechs Jahre lang hatte Juan Neil die gleiche Hose getragen, um sich dieses Haus zu leisten, Calle Pillan 92, nichts Großartiges, ein Haus mit Ofen und Dusche für sich und seine zwei Kinder, Juan hatte Schweine gezüchtet, um an Geld zu kommen, er war Flößer gewesen, Bootsbauer, Schuster, Fischer. Er dreht das Gesicht in den Wind und zieht weiter, das Haar flattert, seine Schritte schleppen. Das Boot ist fort, begraben da draußen. Das Auto, ein Dodge, den Juan seit Monaten erst besaß.

Gegen 11 Uhr am 2. Mai 2008 verzog sich der Nebel, plötzlich war es ruhig in Chaitén, kein Vogel pfiff, kein Wind ging mehr – und im Norden stieg Rauch auf, immer höher, eine unendliche Säule aus weißem, gelbem, grauem Gewölk.

Sie stürzt auf uns, schrie jemand, hunderte, tausende hatten sich an der Avenida Corcovado versammelt.

Das ist der Michimahuida, sagte Manuel, der Schlosser.

Bist du sicher?, fragte Elias, der am Dorfrand eine Diskothek betrieb.

Welcher Vulkan denn sonst?, fragte der Schlosser.

Der Chaitén!, sagte Juan, der Fischer.

Der Berg Chaitén?

Ja, sagte Juan. Sein Vater, einer der Ersten hier, habe ihm einst erzählt, der Chaitén sei kein gewöhnlicher Berg, wie alle glaubten, er sei ein Vulkan, in seinem Krater, nur zehn Kilometer von hier, fänden sich zwei Seen, und deswegen hätten ihn die Indianer, als es noch Indianer gab, Chaitén genannt, Wasserkorb.

Der Vulkan Chaitén hat die Nummer 1508-041, unter Geologen, er ist 1122 Meter hoch und war zum letzten Mal aktiv im Jahr 7420 vor Christus.

Asche fiel vom Himmel, weiß und grau, immer dichter, manche rannten in die Läden, Supermercado Anita, Panaderia Roberto, kauften alles Brot, alle Batterien, Kerzen und Streichhölzer. Asche legte sich auf Häuser, Bäume, auf die Erde, das Meer, es wurde dunkel am hellen Tag, keine Gesichtsmasken in der Farmacia Austral, keine Masken im Krankenhaus, viele beteten, flohen zum einzigen Geldautomaten, der bald leer war. Im Radio hieß es, Schiffe seien unterwegs, alle Bewohner von Chaitén zu retten, keine Panik!, Notstand!, über Argentinien, auf dem Landweg, sei kein Entkommen. Es war Freitag, und Juan, als er an sich hinabsah, merkte, dass seine Beine zitterten.

Er zieht weiter, Blech scheppert, Juan öffnet die Tür der Markthalle, leer seit anderthalb Jahren, geplündert von schnellen Dieben. Konservendosen liegen auf fettigen Tischen, schmierige Gläser, Bestellbücher, Rezepte, Merluza criolla, man schneide den Fisch in Scheiben, begieße ihn mit Zitronensaft und lasse ihn ruhen.

Hier war er oft, verkaufte seinen Fang, die runde Ana, meist schlecht gelaunt, war eine gute Kundin, noch hängt ihre Bewilligung an der Wand, Resolución N° L-R/0387, in Folie geschweißt, gepudert mit feinster Asche: Hiermit erteilt die Gewerkschaft der unabhängigen Kleinfischer Doña Ana Isolina Fernández Peranchiguay, wohnhaft an der Ignacio Carrera Pinto 267, Chaitén, das Recht, Meeresprodukte zu verkaufen, 9. April 2008.

Am 3. Mai sah er sie zum letzten Mal, Samstag, sie stand im Hafen, hunderte waren dort, bleiche Gesichter, und stiegen auf Schiffe, Doña Ana hielt an jeder Hand ein Kind, jedes mit einem Korb aus Weiden, darin eine schreiende Katze.

Ich bleibe hier, sagte Juan Neil zu Frau und Söhnen, ich bleibe beim Haus. Komm mit, bat die Frau. Ich hüte das Haus, sagte er. Komm mit!, schrie der Sohn.

Die Fahrt zur Insel Chiloe, im Lachstransporter Marina Harvest, dauerte vier Stunden, Juan trug die Jacke, die er immer trägt, darin zwei Schlüssel, einer fürs Haus, der andere für den Dodge, in einer Woche würde er wieder zu Hause sein.

Jetzt zerrt er die Resolución N° L-R/0387 von der Wand und stopft sie unter die Jacke, María Hortensia wird schimpfen, Juan, was bringst du wieder für nutzlosen Kram? Neulich hat er ein Buch ins Haus geholt, gerettet aus einer Ruine, Libertador Bernardo O’Higgins 87, „La madre, el embarazo extrauterino“, Die Mutter, Kapitel Bauchhöhlenschwangerschaft. Du bist verrückt geworden, jammerte María Hortensia, Juans Frau seit 32 Jahren.

Fünf Tage nach dem Ausbruch des Vulkans, am 7. Mai 2008, war Chaitén menschenleer. Der Rauch über dem Berg stand 30 Kilometer hoch, selbst in Buenos Aires fiel Asche, Flughäfen, Schulen wurden geschlossen, und der Chaitén, zu Leben erwacht, stieß ständig neu auf.

Juan Neil und seine Familie waren in Castro, Hauptstadt der Insel Chiloe, man gab ihnen Schuhe, Decken, Tabletten, schließlich ein Haus auf Zeit, eine Rückkehr sei noch zu gefährlich. Als der Verteidigungsminister aus Santiago anreiste, um die Glücklosen zu trösten, packte Juan den Mann am Kragen und schrie, Asche ist Asche, und Schaufel ist Schaufel, lass uns, du Memme, zurück ins Dorf.

Wenige Dutzend Menschen leben heute in der Wüste Chaitén, zurückgekehrt aus Liebe, viele Alte, zumeist Männer, fünf, sechs Kinder, die keine Schule besuchen. Die Regierung verweigert Wasser und Strom, nicht aber Polizisten, fast Knaben noch, die in einem weiß-grünen Wagen den Ort durchmessen, Carabineros de Chile, 4ta. Comisaría Chaitén.

Lümmel!, nennt sie Elias, der eine Diskothek betrieb. Er stand gestern, die Sonne schien, auf der Brücke über den Rio Blanco, blickte hinauf zum Vulkan und sah den weißen Rauch, der plötzlich gelb wurde, dann grau. Von seinem Herzweh getrieben, stellte Juan sich neben Elias und schwieg, sie schwiegen und hörten das Fauchen des Chaitén, sein Wimmern und Singen, und Juan sagte, seit ich wieder hier bin, kann ich nachts schlafen.

Hier will ich sterben, sagte er.

Leben oder sterben, auf jeden Fall hier, sagte Elias.

Wann fängst du wieder zu fischen an?, fragte Elias.

Gestern, sagte Juan und grinste.

Wann öffnest du die Diskothek wieder?

Gestern, sagte Elias.

Sie gingen zurück ins Dorf, zogen die Pedro Aguirre Cerda hinab und lachten laut. Am Ende der Straße, Ecke Avenida Corcovado, stand Manuel, der alte Schlosser, einen Pinsel in der Hand, eine Spanplatte vor sich, er schrieb mit schwarzer kräftiger Farbe, Señor, protégenos del volcán, del rio y de los malos políticos, Herr, beschütze uns vor dem Vulkan, vor dem Fluss und miesen Politikern.

Es war Juni 2008, das Fernsehen zeigte Bilder von Chaitén. Der Rio Blanco floss mitten durch den Ort, ein Strom aus Asche und Sand, Juan sah ein Haus, wahrscheinlich seins, am Rand des grauen Flusses, eine Ecke unterspült, kurz davor, ins Meer geschwemmt zu werden. Juan schlief nicht mehr. Tage später reiste er nach Hause, drei Stunden Zeit ließen sie ihm. Der Vulkan, sagten sie, breche jederzeit wieder aus. Am Dorfeingang, beim Hotel Schilling, stand ein Polizist und fragte, soll ich dich begleiten?

Nein.

Weißt du denn, was dich erwartet?

Nein.

Juan ging allein durch das Dorf, das ihn gebar, und stieß auf den neuen breiten Fluss, sein Haus fort, das Haus des Vaters, der längst tot ist, das Boot, der Dodge, die Dusche. Zurück bei María Hortensia log er, so schlimm sei die Lage nicht. Du lügst, sagte sie. Und Juan begann zu schluchzen.

Er streunt hinauf zum Friedhof, vielleicht sein liebster Platz, drei Tage lang grub er hier die Gräber der Eltern frei, versah sie mit künstlichen Nelken, hergebracht aus Chiloe, rot, gelb und blau. Jetzt steht er am Grab des Vaters, der hierher kam, als Chaitén noch keinen Namen hatte, zehn Hütten standen an der Bucht, es gab keine Straßen. Wie heute, denkt Juan, wer Holz hat, muss nicht frieren, wer Fisch hat, muss nicht hungern, wer friert, bekommt vom Holz des Nachbarn, wer hungert, isst vom Fisch des anderen.

In der Fremde hielt es Juan nicht aus, er wurde krank und wütend, stritt mit seiner Frau. Als ihm ein Bekannter, der nun im Norden lebt, in Puerto Montt, ein Haus in Chaitén anbot, um darin zu wohnen, zog er in sein Dorf zurück, 25. Januar 2009, Sonntag. Er stieg auf das Dach der Hütte, richtete den Kamin, befestigte das Blech, wusch die Asche aus allen Räumen und strich das Wohnzimmer, blau wie das Meer, den Tisch bezog er mit weinrotem Tuch, er trug Teller auf und Besteck, damit alles bereit ist, wenn Gäste kommen, Touristen vielleicht oder irgendwer.

Noch schickt die Regierung, die ihm Strom und Wasser verwehrt, jeden Monat 380 000 Pesos, 500 Euro. Kaufte Juan ein Haus, irgendwoanders in Chile, bekäme er 14 Millionen geschenkt.

Er tritt ins Schulhaus, Wände schimmeln, Stühle und Bänke in einer Reihe. Er irrt durch die Säle, wühlt mit Fuß und Hand, entdeckt ein Heft – Historia común, Belen Baerza, 3° A, der Peloponnesische Krieg, 29. April 2008, drei Tage vor dem Ausbruch. Er blättert und liest dann, groß und rot: ya po, amorcito, pegame si keres, ach ja, meine Liebe, schlag mich, wenn du magst, aber sei mir nicht böse, te amo muxo, ich liebe dich so sehr.

Juan Neil, fast 60, el Turco, stopft das Heft unter die Jacke. Er wird ihr daraus vorlesen heute Abend am Tisch vor meerblauer Wand, seiner María Hortensia, und wenn sie fragt, was soll das, Juan?, wird er sagen: Verstehst du nicht?

Aber sie wird nicht fragen.

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