Zeitung Heute : Fallensteller

HEIKE JAHBERG

Vorsicht Falle!" warnte TV-Gangsterjäger "Ede" Zimmermann einst seine Zuschauer vor Neppern, Schleppern und Bauernfängern."Vorsicht Falle!" titelte die Telekom gestern in einer ganzseitigen Tagesspiegel-Anzeige.Mobilcom - eine Bande von Neppern, Schleppern, Bauernfängern? Oder gehören beide vor Gericht, der Goliath Telekom wie der David aus Schleswig? Geht das Werbeduell der Telefon-Konkurrenten unter die Gürtellinie oder ist der Werbekrieg Zeichen der neuen Werbefreiheit in Deutschland?

Seitdem der Bundesgerichtshof Ende Mai unter Berufung auf eine entsprechende EU-Richtlinie die vergleichende Werbung auch in Deutschland für zulässig erklärt hat, ticken die Uhren in der Werbewirtschaft anders.Da bremst Autovermieter Sixt den Wettbewerber Avis aus, indem er ihm dessen eigene "Smart"-Kampagne vorhält ("für das Geld kriegen Sie bei Sixt einen Mercedes"), die Schnellbratkette Burger King bittet Passanten zur Wahl der leckersten Frikadelle und macht eine "satte Mehrheit" für den Whopper (und gegen den Big Mäc) aus.Das hat es vorher nicht gegeben.Früher war mit dem Ariel-Slogan "Keiner wäscht reiner" der Gipfel der Kühnheit erreicht.Heute könnte der Text munter fortgeführt werden "...als Persil, als Dash, als Omo" oder so.

Nur: Ariel sollte die Wäsche dann auch bitteschön wirklich weißer waschen.Dann ist gegen den Vergleich nichts einzuwenden.Im Gegenteil: Beachten die Firmen die Grenzen, die ihnen die EU-Richtlinie auferlegt, spricht nichts gegen vergleichende Werbung.Ist doch interessant, daß Sixt für das Geld, das man bei Avis für einen "Smart" hinblättern muß, einen Mercedes herausrückt.Vorausgesetzt, auch die sonstigen Bedingungen stimmen.Und wenn die Becks-Bierbrauer "bitte kein Bit" wollten, wäre das doch lustig, oder nicht?

Sicher: Unsereiner tut so etwas nicht.Man sagt nicht zu seinem Chef, man wolle mehr Geld, weil man schneller arbeite als Kollege XYZ.Das ist verpönt.Genauso wie im Privatleben.Ob wir hübscher, schlauer oder reicher sind als jemand anderes, würden wir diesem doch niemals ohne weiteres unter die Nase reiben.Überhaupt: Lieber stellen wir unser Licht unter den Scheffel und hoffen, daß es dennoch hell genug strahlt, damit es bloß niemand Wichtiges übersieht.Seien Sie gewiß, auch die vergleichende Werbung wird diese Bescheidenheits-Kultur nicht revolutionieren.

Warum nicht? Weil es vergleichende Werbung - Richtlinie hin oder her - bald kaum mehr geben wird.Denn Brüssel hat den Werbern enge Zügel angelegt.Vieles, was heute noch gedruckt wird, dürfte morgen schon von den Gerichten kassiert werden.Mit Abmahnungen parieren die "Werbeopfer" die lästigen Anzeigenkampagnen ihrer Konkurrenten."Zwei Juristen kommen auf einen Werbemann", scherzt man in der Branche.Die vergleichende Werbung könnte die Quote noch ein wenig in die Höhe treiben.Denn die Richtlinie ist gespickt mit unbestimmten Rechtsbegriffen, die nun erst einmal ausgelegt werden müssen.Ein Fest für jeden Advokaten.

Dabei steht fest: Wie schon in den calvinistischen Werbezeiten vor Erlaß der EU-Richtlinie ist irreführende Werbung auch künftig genauso tabu wie die Herabsetzung des Konkurrenten.Schlechte Karten also für Telekom und Mobilcom.Die Norddeutschen haben sich bereits eine einstweilige Verfügung eingefangen.Doch auch die Telekom hat sich mit ihrem Holperreim ("heute von Mobilcom getäuscht, morgen enttäuscht") auf dünnes Eis begeben.Übrigens: Wollen Sie wissen, wer in der Sache Recht hat? Dann lesen Sie doch einfach mal nach - in den Telefontarif-Tabellen, die der Tagesspiegel regelmäßig erstellt.Da steht er schwarz auf weiß: der Vergleich, garantiert ohne Werbung.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar