Zeitung Heute : Falsche Fehler

Malte Lehming[Washington]

Präsident Bush gibt zu, die Entwicklung im Irak falsch eingeschätzt zu haben. Wie kommt es, dass er das kurz vor Beginn des Republikaner-Parteitags eingesteht?

Das Lied hat Edith Piaf gesungen. Der Refrain ist ein geflügeltes Wort. „Je ne regrette rien“ – Ich bereue nichts. Am Freitag bildete das britische Magazin „Economist“ auf seiner Titelseite ein Bild von US-Präsident George W. Bush ab. Er lächelt unbekümmert. In seiner rechten Hand hält er einen Hut, mit dem er der Menge zuwinkt. Darüber steht „Je ne regrette rien“. Ich bin der Gute, bleibe der Gute und habe mir nichts vorzuwerfen: Mit dieser Botschaft, schreibt der „Economist“, werde sich Bush in der kommenden Woche auf dem Parteitag der Republikaner präsentieren, trotz Irakkrieg, Folteraffäre und Rekorddefizit.

Am selben Tag indes veröffentlicht die „New York Times“ ein Interview mit Bush. Darin habe er zum ersten Mal „Fehleinschätzungen über die Bedingungen im Nachkriegsirak“ zugegeben, schreibt die Zeitung. Aus diesem Wort wird eine Schlagzeile. Zeigt Bush plötzlich doch Reue? Tritt er die Flucht nach vorne an? Als Beispiel nannte Bush die Lage in der schiitischen Pilgerstadt Nadschaf. Konkreter wurde er nicht.

Das Wort „Fehleinschätzungen“ wird freilich von vielen Rechtfertigungen umrankt. Der Irakkrieg sei richtig gewesen, die Strategie stets „flexibel genug“, um auf unvorhergesehene Entwicklungen angemessen reagieren zu können. Die Rebellion gegen die Besatzungsarmee bezeichnete Bush als einen unbeabsichtigten Nebeneffekt des „schnellen Sieges“ über die Truppen Saddam Husseins, denen es gelungen sei, in die Städte zu flüchten und die Bevölkerung zu infiltrieren. Resümee: Amerikas Oberbefehlshaber setzt Zeichen. Im Ton gibt er sich ein Quäntchen konzilianter als bisher – in der Sache aber bleibt er hart: Was genau denn schief gelaufen sei, wollten die Reporter wissen – diese Frage überlasse er Historikern, antwortete Bush. Er lehne die Forderung ab, sich „auf die Couch“ zu legen, um Entscheidungen nachträglich zu überdenken.

Es bleibt also dabei. Bush bereut nichts. Das kann er vermutlich auch nicht. Etwa 970 US-Soldaten sind bisher im Irak ums Leben gekommen. Bis zur Präsidentschaftswahl am 2. November dürfte die Tausendergrenze überschritten worden sein. Hinzu kommt ein Heer von zum Teil schwer Verwundeten. Sie und die Angehörigen der Opfer haben ein Recht daran zu glauben, dass all die Schmerzen einer guten Sache dienten. Bush muss diesen Glauben nähren, selbst wenn die Zweifel übermächtig werden. „Fehleinschätzungen“ einzuräumen, ist das äußerste Zugeständnis, das er an die Wirklichkeit machen darf, ohne seiner Mission untreu zu werden.

Dem Parteitag in New York kann Bush gelassen entgegensehen. Die Stimmung in Amerika wandelt sich gerade zu seinen Gunsten. In den jüngsten Umfragen liegt er knapp vor seinem Herausforderer von den Demokraten, John Kerry. Der Parteitag selbst dürfte diesen Trend noch verstärken. Wer immer von einem Machtwechsel im Weißen Haus träumt, sollte sich vor „Fehleinschätzungen“ hüten. Erst nach der Wahl steht fest, wer etwas zu bereuen hat.

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