Zeitung Heute : Familienglück per Mausklick

GUNTER BECKER

Das Computerspiel "Creatures" simuliert virtuelles Leben, Lernen und Sterben im Heim-PC / Ergebnisse aus der Computerforschung werden in populäre Unterhaltungssoftware verpackt.VON GUNTER BECKER

Würden Sie gerne selbst mal Hand an die Schöpfung legen ? Herr über fremdes "Leben" sein ? Künstliche Geschöpfe schaffen, erziehen und weiter fortpflanzen ? Das klingt nach Hybris und Größenwahn ist aber der Inhalt eines durchaus seriösen, neuen Computerspiels mit dem Titel "Creatures".Den wissenschaftlichen Hintergrund der Software bildet ein akademischer Glaubenskrieg zwischen den Anhägern der Künstlichen Intelligenz (KI) und den Vertretern des Künstlichen Lernens (KL).Letztere halten das, bei der Programmierung von Expertensystemen bisher übliche (deduktive) Vorgehen, Anforderungen mit Hilfe eines Kataloges vorab festgelegter Handlungsalternativen abzuarbeiten, für überholt.Sie lassen sich stattdessen von Forschungsergebnissen aus der Biologie oder der Genforschung inspirieren und schauen beim Programmieren Mutter Natur über die Schulter.KL kopiert organische Regelsysteme wie Hormonhaushalt oder Verdauung mit dem Ziel, Programme zu kreiern, die, nach dem Vorbild der Evolution, auf neue Fragen immer wieder selbständig die richtigen Antworten finden.Dieser aufregende Paradigmenwechsel in der Computertechnologie kann jetzt in Form einer praktischen Anwendung, als Unterhaltungssoftware bestaunt werden.Das britische Multimediaunternehmen Millenium Interactive hat, quasi als kommerzielles "side project"der KL-Forschung, das Computer-Spiel "Creatures" entwickelt.Warner Interactive brachte das Spiel gestern in den Fachhandel.Tatsächlich handelt es sich bei "Creatures" um eine so komplexe und hintergründige Anwendung, daß einem die Schublade "Computerspiel" als zu eng erscheint.Im liebevoll skurill und aufwendig ausgestatteten Ambiente eines Phantasielandes mit dem beziehungsreichen Titel "Albia", gilt es eine Spezies künstlicher Organismen, die Norns, anzusiedeln, zu erziehen und zu vermehren.Seine ersten Norns erhält der Spieler auf einer Diskette zusammen mit der Programmsoftware, im Eistadium.Mit der Installation der Norn-Eier auf der Festplatte beginnt für den PC-Besitzer dann ein ganz neuer Abschnitt im Leben mit dem Computer - in Sekundenschnelle wird er zum virtuellen "Familienoberhaupt".Die Norns schlüpfen und entpuppen sich rasch als anspruchsvolle Gäste.Entsprechend der KL-Philosophie wird ihr Verhalten von künstlichen Regelsystemen gelenkt, die natürlichen Prozessen nachgebildet sind und selbständig funktionieren.Norns verfügen über virtuelle biochemische, physiologische und neuronale Apparate.Konkret, die putzigen Kreaturen, eine Mischung aus Hund, Katz und E.T., wollen fressen, ihre Umgebung erkunden, sich paaren, schlafen und es sich überhaupt möglichst gutgehen lassen.Dabei wird eine Norn-Existenz außer durch die "Körperfunktionen"; noch durch andere Variablen wie z.B.das Erbgut einer digitalen DNA und durch Konditionierung beeinflusst.Der Spieler hat für die Befriedigung dieser Bedürfnisse zu sorgen und greift mit der Maus, die auf dem Bildschirm als Hand visualisiert ist, "erzieherisch" ins Leben seiner Geschöpfe ein.Hier beginnt dann auch die nächste Herausforderung für den Herrn oder die Herrin der kleinen Albianer .Es muß nicht nur das Überleben der virtuellen "Sprößlinge" in einer feindlichen Umwelt sichergestellt werden, sondern es gilt die Norns so zu "erziehen" daß sie möglichst viele positive und möglichst wenig negative Charaktereigenschaften in den "Zuchtprozeß" einbringen.Erwünschte Handlungen kann man mit der virtuellen Hand per Mausklick durch Streicheln belohnen, unerwünschte Handlungen werden mit einem Klaps auf den Po bestraft.Die komplexe Programmierung erlaubt den Creatures sogar, einfache Worte und Sätze zu erlernen, zu erkennenund darauf zu reagieren.Bei "Aufzucht und Pflege" seiner Brut helfen dem Spieler diverse Werkzeugkästen, sogenannte Sets.Ein Gesundheits-Set ermöglicht Diagnose und Therapie von Krankheiten, ein Züchter-Set beinhaltet stimulierende Aphrodisiaka und Schwangerschaftstests, ein Begräbnis-Set sorgt für einen würdigen Abgang der dahingegangenen Exemplare.Erfolgreiche Pflege und Zucht werden durch Spielpunkte belohnt.Die Professionalisierungsskala reicht dabei vom Lehrling bis zum Fachmann.Die Produzenten von Creatures träuumen von einer globalen Züchtergemeinde, die sich via Internet austauscht, und besonders gelungene Exemplare mit der E-Mail verschickt.In einem virtuellen Zoo sollen die skurrilsten Kreaturen gesammelt werden.Wegen des großen Interesses, sowohl von Seiten der Wissenschaft als auch von kommerziellen Unternehmen, haben sich Millenium Interactive die den Creatures zugrundeliegende Software-Technologie unter dem Handelszeichen Cyberlife patentieren lassen.Firmen aus den verschiedensten Anwenderbereichen wollen das Programm für ihre Zwecke lizensieren.Angedacht sind dabei beispielsweiße intelligente Verkehrsleitsysteme oder intelligente Videoagenten, die dem TV-Zuschauer sein jeweils gewünschtes Fernsehprogramm eigenständig zusammenstellen.Fazit: Creatures und (Cyberlife) ist eine faszinierende neue Softwaretechnologie - trotzdem gibt sie einige seltsame Zwischentöne.So erscheint der Untertitel "Zuchtprogramm für künstliches Leben" recht unglücklich gewählt.Immerhin soll es sich um eine Unterhaltungssoftware für die ganze Familie handeln. Die Erziehung und Zucht von künstlichen Lebewesen, denen gleichzeitig humane Wesenszüge verliehen wurden, zum Inhalt eines lustigen PC-Games zu machen: darüber lässt sich zumindest diskutieren.

creatures seit dem 11.November als CD-ROM im Handel.

Systemvoraussetzungen: PC: 486DX 2/66, 8 MB RAM, Farbmonitor 640x480, 16 Bit Grafik, Double-Speed-CD-ROM-Laufwerk, Windows 95MAC: 68040 mit 8 MB RAM, Farbmonitor 640x480, 16 Bit Grafik, Doublespeed CD-ROM Laufwerk, System 7.0Creatures wird in Deutschland über die

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben