Familienpolitik : Eltern fühlen sich überfordert

Am Mittwoch hat die Konrad-Adenauer-Stiftung eine Studie zur Situation der Eltern in Deutschland veröffentlicht. Das Ergebnis: Viele Väter und Mütter fühlen sich überfordert. Woran liegt das?

Antje Sirleschtov,Tobias Fleischmann

Wer sich heute für Kinder entscheidet, hat es schwerer als vor Jahrzehnten. Elternschaft ist hart – zu diesem ernüchternden Fazit kommen Wissenschaftler, die im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung deutschlandweit Eltern über ihre Lage und ihre Wünsche befragt haben. Die Ergebnisse sind in der Studie „Sinus“ nun zusammengefasst.

Dass Kindererziehung heute viel schwieriger ist als früher, dafür haben die Wissenschaftler eine ganze Reihe von Belegen. Da sind zum einen die Ansprüche, die Eltern an sich selbst stellen. Und die Ansprüche, die wiederum die Gesellschaft an die Eltern stellt. Ein Beispiel: In der 70er Jahren blieben „gute Mütter“ daheim bei ihren Kindern und sorgten für Erziehung, ein behütetes Zuhause und Bildung. „Gute Mütter“ von heute aber gehen außerdem noch arbeiten, zumindest in Teilzeit. Und das, obwohl die Anforderungen an Erziehung, Bildung und Betreuung der Kinder wesentlich größer sind als vor 30 Jahren. An Bildung – wegen der aus Elternsicht miserablen Qualität der staatlichen Schulen. An Erziehung – wegen der zunehmenden Emanzipation des Kindes in der Familie und dem damit einhergehenden Verlust an selbstverständlicher Autorität der Eltern. An Betreuung – weil es kaum noch ein soziales Wohnumfeld für Kinder gibt, in das sie eingebettet sind und das „ganz nebenbei“ durch Vorbild und Abschreckung als Betreuer zur Seite steht.

Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU), die die Studie gestern vorgestellt hat, betonte, dass die Situation der Eltern in der Gesellschaft „lange Zeit nicht thematisiert“ wurde. Besonders die Wünsche der Mütter seien nicht ernst genommen worden. Der Blick auf die Eltern sei jedoch für die Gesellschaft wichtig, „denn den Kindern geht es nur gut, wenn es ihren Eltern gut geht“.

Von der Leyen kann sich durch die Ergebnisse der Studie grundsätzlich in ihrem familienpolitischen Ansatz bestätigt sehen. Denn ein Kritikpunkt der befragten Eltern lautet immer wieder: Die Gesellschaft, die Politik, nimmt die Anliegen von Müttern und Vätern nicht ernst genug. Das führt zu Frust und dem Gefühl von Ausgrenzung. Kinder werden so bei charakterlich gefestigten Menschen zu Belastungen, bei labilen Menschen auch zu Opfern von Wut der Eltern.

Es ist ein erschreckender gesellschaftlicher Kreislauf, den die Studie nachzeichnet: Der öffentliche Druck, „das Beste“ für die Kinder zu tun, fördert die soziale Trennlinie in Deutschland. Das fördert den Druck auf die Eltern, im Interesse der eigenen Kinder dem sozialen Abstieg zu entkommen. Und das wiederum führt dazu, dass Eltern überfordert sind.

Ein praktisches Beispiel, das jeder kennt, der Kinder hat: Weil die staatlichen Schulen einen miserablen Ruf haben, wenden Eltern große Mühe und viel Geld für Umzüge auf, damit ihre Kinder in den „richtigen“ Stadtvierteln in die „richtigen“ Schulen gehen können und dort mit den „richtigen“ Kindern der – möglichst bürgerlichen – Nachbarn Kontakt haben. Das führt zu starker und rascher Entmischung von Stadtteilen. Dadurch wächst der Druck auf die Familien, die aus sozialen Gründen vorerst im Stadtteil geblieben sind, ebenfalls wegzuziehen. Eltern, die sich das nicht leisten können, müssen dafür nun zwei Einkommen nach Hause bringen und viele Entbehrungen auf sich nehmen.

Glaubt man Familienministerin von der Leyen und dem Soziologen Carsten Wippermann, dann muss die Gesellschaft helfend eingreifen und die Eltern weitestmöglich darin unterstützen, ihrem modernen Erziehungsauftrag entgegenzukommen. Konkret bedeutet das: Natürlich müssen die frühkindliche und vorschulische Betreuung flächendeckend ausgebaut werden, und zwar so, dass sie einem hohen Bildungsanspruch gerecht werden. Aber auch die umfassende und rasche Verbesserung der Schulqualität – sowohl in Bezug auf den Unterricht als auch auf die Betreuung – muss Bestandteil der Hilfe sein.

Doch selbst das reicht offenbar noch nicht. So empfinden sich Eltern als finanzielle Opfer des Staates. Je mehr Kinder sie haben, desto ausgeprägter ist dieses Gefühl. Ein deutlich konkreter auf die Familien zugeschnittenes Steuer- und Abgabensystem steht deshalb ganz oben auf der Wunschliste der Eltern.

Ursula von der Leyen sieht die Hilfe für Eltern nicht nur als Aufgabe der Politik. Mit dem Ausbau der Kinderbetreuung, dem Elterngeld und dem Ausbau von Ganztagsschulen habe die Politik im Bund und in den Ländern bereits erste Schritte getan, sagte die Ministerin am Mittwoch in Berlin. Allerdings müssten sich auch andere Akteure der Gesellschaft, zum Beispiel die Wirtschaft, überlegen, wie sie zu einer kinder- und damit familienfreundlicheren Umgebung beitragen können. Denn auch das zeigt die Studie: Die Eltern empfinden sich in ihrer Rolle nicht von der Gesellschaft unterstützt, sondern oft zusätzlich durch Regelungen, Verbote, und Ressentiments beschwert.

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