Zeitung Heute : Familiensagas aufführen

Dorothee Nolte

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Es gibt Momente, da blitzt in den Kindern die Zukunft auf. Meine Schwägerin zum Beispiel behauptet, sie habe ihre fünfjährige Tochter vor kurzem bei einem waschechten Schlafzimmerblick ertappt. So verrucht habe die Kleine über die Badewannenkante geblickt, als wäre sie 20 Jahre älter und um ebenso viele Männer klüger. Auch ich erkenne in Timmy bisweilen, wenn er die Haare frisch geschnitten hat, den Studenten der Jurisprudenz. Als Eltern lernt man eben, in historischen Dimensionen zu denken, man spürt den Atem der Geschichte, die Kraft der Generationen. Andere schreiben innerlich ihre Autobiographie. Wir schreiben Familiensagas.

Auch in unserem Kleinsten brodelt die Zukunft. "Musiek!" schreit er bei jeder Gelegenheit, zerrt mich zum CD-Recorder und dann wieder zurück auf den Teppich, streckt die Ärmchen hoch und zwingt mich – „Tanze! Tanze!“ – ihn halbstundenlang durchs Wohnzimmer zu wiegen, zu Walzern, Tangos oder Reggae. Wir swingen, stampfen, schmachten uns an, und der Atem der Geschichte umweht uns. Denn, das sehe ich voraus: Wenn der Kleine weiter so auffällig nach dem höchst norddeutschen Bruder des Kindsvaters kommt, wird er bald die Zwei-Meter-Marke erreicht haben. Dann wird er, mit der Kraft eines Wikingers und der Geschmeidigkeit eines Wattläufers, elegant über die Tanzfläche gleiten – mein Geschenk an die Damenwelt des Jahres 2035, die im Moment noch die Rasseln schwingt und aus rosa Mützchen dickbackig in die Welt schaut.

Zu diesem Zeitpunkt werde ich ein altes Hutzelweibchen sein, das nach jedem Walzer seine Knochen von der Tanzfläche auflesen muss. Aber hin und wieder werde ich noch mit dem Hutzelmännchen an meiner Seite einen Quickstep hinlegen, klirrend und scheppernd zwar, aber rasant, während meine Nichte, zu voller Schönheit erblüht, männermordend durch den Saal ziehen und eine Spur der Verwüstung hinterlassen wird. So werden wir eine Familiensaga auf dem Parkett aufführen, bis uns der Atem der Geschichte umpustet, einen nach dem anderen .

Bei den öffentlichen Tanztees der Tanzschule taktlos (Urbanstr. 21, Tel. 693 58 35) sind alle Generationen willkommen. Der nächste Tanztee findet am 23. Januar (15-18 Uhr) statt, weitere Termine unter www.taktlos.de

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