Zeitung Heute : Familienzeit am Meer

Studium mit Kind – damit das gelingt, lassen sich die Hochschulen in Mecklenburg- Vorpommern einiges einfallen.

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Zwischendurch entspannen. Wer in Rostock, Stralsund, Greifswald oder Wismar studiert, kann in der Pause zum Strand fahren. Auf die Vereinbarkeit von Studium und Familie legen die Hochschulen im Norden großen Wert. Foto: dpa
Zwischendurch entspannen. Wer in Rostock, Stralsund, Greifswald oder Wismar studiert, kann in der Pause zum Strand fahren. Auf die...Foto: dpa

Wenn Anja Graeff im Büro sitzt, hat sie ihre zweijährige Tochter immer in der Nähe. Die Kita ist nur zwei Minuten entfernt, während der Schließzeiten kommt die Kleine sogar im selben Gebäude unter wie ihre Mutter – der Kurzzeit- und Notfallbetreuung auf dem Campus sei Dank. Anja Graeff hat ihren Arbeitsplatz an der Hochschule Wismar, wo sie auch ihren Abschluss gemacht hat. Seit 2009 arbeitet die 29-Jährige in der Koordinierungsstelle „Familiengerechte Hochschule“. „Ich lebe selbst, wofür ich zuständig bin“, sagt sie.

Die Fachhochschule Wismar war 2004 die erste Hochschule Mecklenburg-Vorpommerns, die sich dem Audit „Familiengerechte Hochschule“ gestellt hat. Inzwischen tragen alle fünf öffentlichen Universitäten und Fachhochschulen des Landes dieses Siegel, der Hochschulverbund kommt einmal pro Jahr zum Arbeitstreffen zusammen. „Unser Motto ist: Wirtschaftliches Handeln und Familienfreundlichkeit müssen sich nicht ausschließen“, sagt Anja Graeff. Durch dieses Bekenntnis zur Vereinbarkeit von Familie, Studium und Beruf gelinge es, Fachkräfte in der Region zu halten. „Viele unserer Studenten haben schon eine Ausbildung absolviert und entscheiden sich für eine weitere Qualifikation an der Hochschule – auch weil sie sehen, dass es hier mit Familie machbar ist“ sagt Graeff.

Familiengerechte Hochschule – das bedeutet in Wismar zum Beispiel: Es gibt Wickel- und Spielzimmer auf dem Campus, Stillecken, mobile Spielekisten, Notfall- und Kurzzeitkinderbetreuung und ein Eltern-Kind-Arbeitszimmer. Jedes neugeborene Baby bekommt ein Begrüßungspaket, die Eltern werden von Beginn der Schwangerschaft an intensiv beraten. Der Campus ist rauch- und autofrei, in der Mensa gibt es einen eigenen Familienbereich mit Hochstühlen und Spielecke; Kinder von Studenten bekommen dort täglich ein kostenloses warmes Essen. Um auch Studenten mit Kind einen Auslandaufenthalt zu ermöglichen, vergibt die Hochschule Stipendien; Anja Graeff und ihre Kollegen betreuen außerdem das Webportal www.auslandsstudium-mit-kind.de, auf dem Anfragen aus dem gesamten Bundesgebiet eingehen.

Rund 4000 Studenten hat die Hochschule, von rund 400 Familien – von Studenten, Professoren und sonstigen Mitarbeitern – weiß Anja Graeff. Genauere Zahlen kann sie nicht nennen – den Familienstand darf die Koordinierungsstelle nicht erheben, verzeichnet wird nur, wer sich selbst meldet. Die 29-Jährige schätzt aber, dass es unter den Hochschulangehörigen weitere 300 bis 400 Familien gibt.

Eines ist Anja Graeff aufgefallen an den Studenten, die zu ihr in die Beratung kommen: „Die meisten wissen sehr genau, was sie wollen. Und fast alle wollen nach der Schwangerschaft so schnell wie möglich wieder voll in das Studium einsteigen.“ Ein Grund dafür sei die enorme Arbeitsbelastung, die vor allem die Bachelor-Studenten zu bewältigen haben. Sie könne den Drang der jungen Familien durchaus verstehen, sagt Graeff. „Ich sagen ihnen aber immer: Genießen Sie es erst einmal, eine Familie zu werden.“ 

Anja Graeff und ihre Kollegen tragen ihren Teil dazu bei, dass dieser Anspruch gelingt. Graeffs Chefin Dörte Joost ist derzeit in Elternzeit, mit ihrem vierten Kind. Noch in der Schwangerschaft hat sie sich zur Tagesmutter weitergebildet. Wenn demnächst in der Kurzzeitbetreuung auf dem Campus Not am Mann ist, kann sie selbst als Betreuungsperson einspringen.

Infos und Kontakt zu allen Hochschulen: www.studieren-mit-meerwert.de

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