Zeitung Heute : Fang den Mörder!

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Dichtung und Wahrheit – das im Leben immer richtig auseinander zu halten, ist nicht so einfach. Im Internet ist es noch schwieriger. Da gibt es Seiten von Terroristenführern, die nur so aussehen, als ob sie von Terroristenführern geschrieben sind. Da überlegt man bei einer falschen Kanzler-Adresse, ob man Schröder nicht mal eine E-Mail schreiben sollte, und lässt sich einspannen von interaktiven Nachrichten, die in Wirklichkeit getarnte Kino-Werbung sind. Hollywood-Regisseur Steven Spielberg hat es da zu einer gewissen Perfektion gebracht, vor allem mit der Netz-Kampagne zu seinem Roboter-Streifen „A.I.“. Da tauchte Mitte 2001 plötzlich ein Universum an Websites auf – mit irrealen n und Anweisungen.

Genauso sollte das mit Spielbergs neuem Streifen funktionieren. Es geht um „Minority Report“, der in den USA am 21. Juni startet. Das Internet als Werbefläche – wer in den vergangenen Tagen auf größeren Websites wie Yahoo.com vorbeisurfte, entdeckte Schriftzüge wie „Precrime – es funktioniert“. Ein zweiter Banner warb mit der Behauptung, „Mord zu einer Sache der Vergangenheit“ zu machen. Und: „Klicken Sie hier, um herauszufinden wie“.

Würde man ja gern, aber das konnte man gestern schon nicht mehr tun. Spielbergs neue Web-Kampagne ist ins Stocken geraten. Offenbar hatten zu viele Intenet-Nutzer Schwierigkeiten, Dichtung und Wahrheit auseinanderzuhalten. War man nämlich der „Precrime“-Aufforderung gefolgt, landete man auf der obskuren Website der „Bürger für ein Amerika ohne Mord“ ( www.precrimeworld.org ). Dort wurde dann kund getan, dass es eine Methode gebe, Mordtaten schon vor dem Verbrechen zu verhindern – Precrime eben. Ganz ungefährlich ist so eine Aufforderung in diesen Zeiten nicht. Die Kampagne spielte gezielt mit der Stimmung, die aktuell in den USA herrscht: Nach den Anschlägen des 11. September sind bürgerliche Freiheitsrechte zu Gunsten von Strafverfolgungsmethoden eingeschränkt worden. Genau so wie im Kinofilm „Minority Report“, in dem Tom Cruise einen Polizisten im Jahre 2054 spielt, der Mörder vor ihrer Tat verhaften kann und selbst zu einem Verdächtigen wird. Auf der verkappten Werbeseite zu „Minority Report“ wurde dazu aufgefordert, man solle am 21. Juni „mit ,Ja’ für Precrime“ stimmen und seiner Lokalzeitung, örtlichem Fernsehsender und Abgeordneten schreiben, damit diese das „Programm“ unterstützen. Die Abgeordneten werden davon nun weitestgehend verschont bleiben. Precrimeworld.org ist erst mal offline.

Schade eigentlich, denn die Reaktionen der Abgeordneten auf ein paar tausend Zuschriften und falsche Internet-Nachrichten wären interessant gewesen. Vielleicht muss sich Steven Spielberg bei seiner nächsten Film-Kampagne wieder mehr um die Wahrheit kümmern. Für Tom-Cruise-Fans bleibt vorerst nur die offizielle Film-Site, um die Wartezeit bis zum Deutschland-Start von „Minority Report“ (am 3. Oktober) zu verkürzen. Diese Seite ist echt. M.Ehrenberg

Im Internet:

www.minorityreport.de

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