Zeitung Heute : Farbe bekennen

Andreas Austilat

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Neulich, ich glaube, es war nach dem Schröder-Merkel-Duell, da fragte mich die Kleine, „und wofür bist du?“ Was sagt man da jetzt? Ich meine, ich muss ja davon ausgehen, dass sie das in der Schule weitererzählt. Oder bei ihren Freundinnen. Ich hab wegen so was schon Freundschaften zerbrechen sehen. Oder sie will es nur wissen, weil sie in der Schule auch wählen. Und dann stimmt sie wie ich. Finde ich nicht gut. Meine Tochter soll sich ihre eigene Meinung bilden.

Tja ..., fing ich also an. Aber sie hat mir schon gar nicht mehr zugehört. Stattdessen hat sie ihr Ärmchen gehoben – sie ist immer noch sehr zierlich, obwohl sie schon neun ist – und mit ihrem zarten Stimmchen gesagt, „ich bin gegen Rassismus“. Das kann auch jeder sehen, der sich auskennt. An ihrem schmalen Handgelenk hängen nämlich ein schwarzes und ein weißes Gummiband, je einen Zentimeter breit, beide ineinander verschlungen.

Manchmal trägt mein Mädchen auch Orange, das ist für die Hoffnung, Grün (Freundschaft), Weiß (gegen Armut), Rot (Liebe) oder Blau (gegen Krieg oder für Tierschutz, weiß nicht so genau). Und manchmal trägt sie alle zusammen, dann sieht sie ein bisschen aus wie Wolfgang Petry – der Schlagersänger mit den 150 Freundschaftsbändern am Arm.

Ach, dachte ich, ist ja rührend, wie die Kleine an ihren Bekenntnissen festhält. Die Sache mit den Silikon-Armbändern ist nämlich schon ein wenig älter. Angefangen hat es wohl mit Lance Armstrong. Der trug ein gelbes Band zugunsten einer Stiftung, die er nach seiner Heilung vom Hodenkrebs gegründet hat. Ein bisschen was soll nämlich beim Kauf jedes Bandes für einen guten Zweck sein, heißt es. Tatsächlich gibt es neben den Originalbändern von Nike jede Menge Nachahmer.

Für einen kurzen Moment habe ich überlegt, ob das jetzt nicht eine gute Gelegenheit wäre für einen Vortrag über den zweifelhaften Wert öffentlicher Bekenntnisse mit kommerziellem Hintergrund. Tja …, fing ich noch mal an. Und dann – dann habe ihr gesagt, dass ich ebenfalls gegen Rassismus bin. Gegen Hunger und gegen Hodenkrebs bin ich natürlich auch. Und ich glaube, das war gut so. Jedenfalls hat die Kleine ganz zufrieden geguckt.

Original-Bänder mit dem eingeprägten NikeZeichen gab es für 2,50 Euro im Sporthandel, sind aber inzwischen schwer zu kriegen.

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