Zeitung Heute : Farbenfroh und übersprudelnd

KEVIN CLARKE

Hinreißende Uraufführungen an der Neuköllner OperKEVIN CLARKESinnlich, sündig, sexy - so lockt das Weib.Und immer wieder fällt der Mann drauf rein.Eine alte Geschichte mit bekannten Details: Adam, Eva, die Schlange und der Apfel.Bei der Neuköllner Oper Thema der Variationen, die sich "Der Wurm - Sechs paradiesische Kurzopern" nennen.Mit garantiertem Sündenfall.Das Spektrum reicht dabei von bayrischer Volksposse bis zu A.& E.als Homopaar in giftgrünen Designerunterhosen. Am Anfang stand ein Wettbewerb.Junge Komponisten bis 35 waren aufgefordert, sich mit dem Thema Verführung auseinanderzusetzen.Belohnung: der von der GASAG gestiftete 1.Neuköllner Opernpreis (10 000 DM).100 Anfragen trafen ein, 19 Werke wurden eingesandt, sechs von einer Jury - bestehend aus Mitgliedern der Deutschen Oper, der Komischen sowie der Neuköllner Oper - ausgewählt.Zuletzt auf die Bühne gebracht, Urszenen als Uraufführung. Das Resultat kann sich vor allem sehen lassen.Was Regisseur Bernd Mottl mit seinem Bühnenbildner Dirk Immich in Kostümen Susanne Suhrs, was das junge sechsköpfige Sängerensemble unter Hans-Peter Kichberg auf die Bühne gebracht hat, ist absolut hinreißend - farbenfroh, abwechslungsreich, übersprudelnd, komisch, erotisch.Eine Inszenierung, die den Weg für die Oper der Zukunft weist: gänzlich entstaubt, am Heute, also auch an TV- und Werbeästhetik orientiert, mit Sängern als Calvin Klein-Models.Leider ensprechen die von den Komponisten der Zukunft verfaßten biblischen Miniaturen nur bedingt diesem Konzept.Da tönt es allzuoft schräg und möchtegernneu.Quietschende Töne ergeben noch keine "Moderne Oper".Eher akustische Langeweile.Bis zur Pause.Dann kommt der große Knall.Der Sündenfall der Moderne: Melos pur! Willkommen bei Johannes Martin Kränzle und Benjamin Rinnert, bei "Der Wurm" und dem Hit des Abends "Und das war gut so ...". Bei Kränzle ist Eva ein Er (Ralf Steinhagen), der mit Adam (Michael Hoffmann) im Hotel Paradiso einen Wurm zur Welt bringt - eine lange grüne Federboa.Das ist zwar eher die Weihnachtsgeschichte.Aber egal.Bibel bleibt Bibel.Als der Nachwuchs seine Apfelbabynahrung verweigert, naschen die Eltern davon.Danach ist kein Halten mehr.Sie reißen sich die Kleider vom Leib und fallen über ihre muskulösen Körper her.Einem prüden Hotelwart, der sie dabei erwischt, legen sie kurzerhand ebenfalls die Boa um ...so nimmt die Sünde, der Christiane Maria Artisi ihre Stimme leiht, ihren Lauf.Gefolgt von Rinnerts "Einkaufsoperette".Darin entdecken Adam (Viktor Köpke) und Eva im Supermarkt einen Garten Eden.Gott ist Verkaufsleiter, die Engel zwei Angestellt der Wachschutzfirma "Cherubima" (köstlich: Ante B.Schmidt und Susanne Serfling), die Schlange eine Tunte mit vollem Einkaufwagen an der Kasse.Rinnert zieht dazu alle Register der Unterhaltungsmusik.Das zündet sofort und bringt einen musikalisch etwas flau beginnenden Abend zum fulminanten Schluß.

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