Zeitung Heute : Fast drei Millionen Besucher pilgerten zur roten Kiste, jetzt soll sie weiteren Bauarbeiten weichen

Christina Tilmann

"Siehst du, so sah das hier mal aus", erklärt ein Vater seinem Sohn vor einem Foto. Der Potsdamer Platz als Stadtbrache, grasüberwuchert, die einzigen Gebäude sind das Weinhaus Huth, die Reste des Hotel Esplanade und ein Hochhaus Richtung Landwehrkanal: Berlin, Oktober 1993. Heute, sechs Jahre später, steht hier ein neues Stadtzentrum, Musicaltheater, Kinos und Geschäfte sind eröffnet, die Besuchermassen strömen zur Berlinale. Mittendrin steht ein kleiner, roter Kasten: Die Infobox.

Als der "Ziegelstein auf Stelzen" im Oktober 1995 auf dem Gelände des ehemaligen Leipziger Platzes, in unmittelbarer Nähe zu den Baugruben am Potsdamer Platz, errichtet wurde, war die Skepsis groß. Viel lieber hätten die Investoren wie Sony, DaimlerChrysler, die Deutsche Bundesbahn, die Telekom, Bewag und die Senatsverwaltung für Bauen, Wohnen und Verkehr, jeweils ihre eigenen Informationscontainer gehabt, erzählt Infobox-Architekt Michael Schumacher. Die Präsentation der einzelnen Bauvorhaben, gedacht als Goodwill-Aktion gegenüber den kritischen Berlinern, war für die Konzerne so etwas wie eine Pflichtaufgabe - mit Besuchermassen hatte niemand gerechnet. Aber alle Vorbehalte erwiesen sich als überflüssig: Die Besucher kommen in Scharen, rund 300 zählt die Box pro Tag, statt der erwarteten 1,8 Millionen sind es bis heute längst über sieben Millionen. Der unverminderte Ansturm erstaunt Betreiber wie Bauherren: "Alle hatten gedacht, wenn der Potsdamer Platz fertig ist, ist die Aufgabe der Infobox erfüllt", erklärt Leiterin Ariane Ribbeck. Auch der Architekt gibt zu: "Diese Entwicklung war eigentlich nicht vorgesehen. Aus der Pflichtübung ist etwas ganz anderes geworden. Irgendwie hat die Infobox in Berlin einen Nerv getroffen." Als Informationsort für die "größte Baustelle Europas" ist die Box überholt: Während im Inneren noch Modelle, Schautafeln und Computeranimationen von den Planungen zum Potsdamer Platz zeugen, sind diese vor dem Fenster längst Realität geworden. Die größte Baustelle Europas, der Wald aus Kränen, die Baugruben, die mit Wasser gefüllt zu Seen wurden, die spektakuläre Verschiebung des Kaisersaals - alles Vergangenheit. Was einmal ein Ort für Visionäre war, ist heute Treffpunkt für Nostalgiker.

Mit der Fertigstellung des Potsdamer Platzes ist die Infobox nun gefährdet: Auf fünf Jahre war sie geplant, am 31. Dezember diesen Jahres wird sie geschlossen. Denn für die Eigentümer, die in der Firma baulog (Baulogistik Potsdamer Platz) vereinigten Investoren des Potsdamer Platzes, hat die Box ihren Zweck erfüllt. Eine Verlängerung für höchstens zwei Jahre hält Ariane Ribbeck für möglich, dann sei endgültig Schluss: "Alle Verträge, die Sondernutzungsrechte am Grundstück, die Zusagen der Investoren laufen Ende dieses Jahres aus. Soll die Box bleiben, müsste ein völlig neuer Inhalt gefunden werden - und neue Investoren."

Gegen das Verbleiben der Box am jetzigen Standort sind die Anreiner des Leipziger Platzes: Die Infobox stört die Symetrie des historischen Oktogons und die Logistik des Platzausbaus. "13 von 14 Investoren des Leipziger Platzes haben sich strikt gegen die Box ausgesprochen", erzählt Ulrich Gellermann von der Senatsbauverwaltung. "Wir sind den Investoren schon ziemlich entgegengekommen. Aber der Platz ist als Grünfläche ausgewiesen, und die wollen sie haben - und keine große Box vor der Nase." Was nicht ganz unverständlich ist: "In den Bauten des Leipziger Platzes sind zum Großteil Wohn- und Büroräume vorgesehen, keine Geschäfte, die vom Werbeeffekt einer Box profitieren könnten", so Gellermann.

Vorschläge, die beliebte Box weiterzuverwerten, gibt es genug: Schon jetzt ist sie nicht mehr reine Ausstellungsfläche, sondern auch Partylocation, Tagungsort, Rahmen für Trauungen, Dichterlesungen, Photoausstellungen. Studenten der Hochschule der Künste haben vorgeschlagen, die Box in eine "Zeitmaschine" zu verwandeln, die die Geschichte von 1945 bis heute dokumentiert, berichtet Schumacher. Ulrich Gellermann sieht die Box in Verbindung mit weiteren Berliner Großprojekten wie dem Flughafenausbau, dem Ausbau des Lehrter Stadtbahnhofs und der Neubebauung des Alex: "Die Deutsche Bahn hat schon zugesagt, weiter mit dabei zu sein. Auch die Flughafen-Holding ist interessiert. Wir müssen uns nur von dem Gedanken verabschieden, die Box an die unmittelbare Umgebung zu koppeln. Es wird in Berlin in den nächsten Jahren noch genug Großprojekte zu dokumentieren geben."

Sollte ein Umzug unvermeidlich sein, könnte die Infobox zum Schlossplatz oder an den Alexanderplatz verlegt werden. Auch von außerhalb, aus Frankfurt und Montreal, wurde Interesse angemeldet. Jedoch kostet der sachgerechte Auf- und Abbau mit voraussichtlich 13 Millionen Mark mehr als ein Neubau. "Ich habe noch keinen Investoren gefunden, der bereit gewesen wäre, neben den laufenden Kosten auch noch Millionen für einen Auf- und Abbau zu zahlen", so Gellermann. "Das Land Berlin hat das Geld auf jeden Fall nicht."

Michael Schumacher, selbst in Frankfurt ansässig, möchte die Box am liebsten an ihrem Platz belassen: Die Infobox sei ein "Berliner Ding" und auf die spezielle Situation zwischen Großbaustelle und Mauerlage zugeschnitten. Ein Kasten in der Form eines Baucontainers, rechteckig wie der Ziegelstein, mit dem nebenan gebaut wurde, ein Hochsitz, über die Mauerreste erhaben - die Assoziationsmöglichkeiten sind vielfältig. "Nicht elegant, eher bodenständig und etwas frech, wie die Berliner" charakterisiert der Architekt sein Baby, das inzwischen mit mehreren Architekturpreisen ausgezeichnet wurde. Und hofft, dass die Box, die von Anfang an temporär und leicht abbaubar geplant war, nun ihre Zeit überdauern wird. Als Wahrzeichen von Berlin.

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