Zeitung Heute : Fast gar nichts

Susanne Kippenberger

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Vorsicht kommt nach dem Fall. Davor kommt Dummheit. Das nennt man eine praktische Erkenntnis. Neulich bin ich nämlich bei Freunden die Treppe runtergefallen. Nur weil ich zu blöd war, das Licht anzuschalten. Ich dachte, brauch ich nicht. Bis zur vorletzten Stufe ging alles gut. Die letzte hab ich nicht mehr bemerkt. Danach hab ich Sternchen gesehen.

Aber ich hatte Glück. Erstens hab ich mir nichts gebrochen, und zweitens blieb die Cola-Flasche in meiner Hand heile. Die ist nämlich ein Kunstwerk (eine Spezialedition des Limonadeherstellers), was man von meinem Fuß selbst in gesundem Zustand nicht behaupten kann. Jetzt erst recht nicht, jetzt ist er dick wie ein Elefant und blau-grün-gestreift. Also bin ich am Wochenende zur Balkon-Potatoe mutiert: Elefantenfuß hoch, Eisbeutel drauf. Was machen wir heute? Gar nichts.

Naja, fast gar nichts. Irgendwann muss der Mensch ja auch mal raus, auf den Markt, ins Café und in den Tiergarten. Kein Problem, Fahrrad fahren, hatte der Arzt prophezeit, tut nicht weh. Und seit der Frühjahrsinspektion läuft mein leicht altersschwächelndes Fahrrad wieder tiptop, die Bremse ist repariert, der Sattel neu, alles durchgecheckt. Es wird ja so viel gejammert über die Servicewüste Deutschland, das ruppige Berlin, die teuren Dienstleistungen. Ich kann mich gar nicht beklagen. Die Jungs im „velomondo“ sind reizend – schnell, freundlich, unkompliziert. Die entschuldigen sich noch für jede Schraube, die zwei Euro kostet. Da dürfen sie mich auch ungefragt duzen.

Gestern Morgen hab ich noch zwei nette Dienstleister kennen gelernt: zwei Kammerjäger, rührend besorgt. Ich hab nämlich die Motten. Normalerweise würde ich Ihnen das nicht unter die Nase reiben, aber letzte Woche las ich von einem Dorf, in dem sich Kakerlaken breit gemacht haben, weil die Leute sich zu sehr genierten, um rechtzeitig Alarm zu schlagen. Also: offensiv an die Front. Und wenn Sie demnächst keine Motten bei sich zu Hause haben, dann wissen Sie, wem Sie das verdanken: mir und dem Ökologischen Schädlingsbekämpfer Verein. Wir haben die Plage rechtzeitig gestoppt.

Velomondo, Motzstraße 12, am Nollendorfplatz. Mara im Ökologischen Schädlingsbekämpfer Verein, Tel. 34 351 613.

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