Zeitung Heute : Fatale Selbsthilfe

Kein Völkermord in Darfur – befinden die Vereinten Nationen. Derweil geht das Töten weiter, und immer mehr Menschen machen mit

Carsten Stormer[Farawija]

In einer der wenigen nicht zerstörten Hütten von Farawija sitzt Adam Ibrahim, Angehöriger des Stammes der Zhawaga. Auf seinem Schoß liegt eine Panzerfaust, hinter ihm stehen ordentlich aufgereiht Dutzende Kalaschnikows und Sturmgewehre. Am Boden liegen Handgranaten und Bajonette. Adam Ibrahim ist 23 Jahre alt, „SLA“, ruft er und klopft sich mit der Faust auf die Brust. Er trägt einen gelben Turban über seiner Rastafrisur. Um Hals, Oberkörper und Hüfte baumeln an Schnüren aufgehängte Lederbeutel, die mit Koransuren gefüllt sind – die Hijabs. Ibrahim glaubt, dass die Beutel ihn vor den Kugeln seiner Feinde schützen. Er zeigt auf die Waffen: „Die haben wir alle den Regierungstruppen abgenommen“, sagt er und klopft sich wieder auf die Brust.

Vor sechs Monaten flog die sudanesische Armee einen Angriff auf Ibrahims Dorf. Dabei kamen seine Mutter, seine Schwester und sein Onkel ums Leben. Seitdem kämpft er auf der Seite der Sudanese Liberation Army, der SLA, einer der vielen Rebellengruppen in Darfur, im Norden Sudans.

Am Fuß eines Hügels in der Nähe von Farawija liegen die mumifizierten Überreste von elf Menschen. Die Knochen sind von der Saharasonne gebleicht. Ein SLA-Mann sagt, dass die Männer von ihren Mördern an diese abgelegene Stelle gefahren, in zwei Gruppen aufgeteilt und dann erschossen wurden. Die Patronenhülsen sind auch noch da. Die Leichen wurden von den Rebellen nicht beerdigt. Alle sollen sehen, was das für ein Krieg ist, hier in Darfur.

Farawija ist fast ganz zerstört. Im gelben Sand am Dorfrand liegt eine graue Fliegerbombe russischen Typs – ein Blindgänger. Wenige Schritte entfernt klafft ein großer Trichter in der Erde. Die sudanesische Luftwaffe besitzt nur Antonow-Flugzeuge – alte sowjetische Bomber, die nur eine einfache Abwurfluke besitzen. Sie sind völlig ungeeignet zur gezielten Bekämpfung von Rebellen, die Bombenabwürfe erfolgen unkontrolliert und unpräzise, und wenn die Sprengkörper nicht an den Dorfrändern explodieren, dann meist in den Wohnhäusern von Zivilisten.

Seit fast zwei Jahren kämpfen die SLA und die Schwesterorganisation Justice and Equality Movement gegen die sudanesische Regierung und die Jenjaweed – die von der Regierung unterstützten bewaffneten arabischen Reitermilizen. Im Arabischen bedeutet jaan böse und jawad Pferd. Man könnte Jenjaweed also mit „böse Reiter“ übersetzen.

Die Rebellen werfen der Regierung vor, Darfur zu vernachlässigen – Straßen, Krankenhäuser, Schulen würden verfallen. Gut bezahlte Regierungsstellen wurden hauptsächlich an Araber vergeben, obwohl die im Land eine Minderheit sind. In ihrem Manifest lud die SLA Araber und Afrikaner gleichermaßen ein, gegen die „Rassendiskriminierung, den Ausschluss und die Ausbeutung“ zu protestieren, um einen „Sudan auf der Basis von Gleichheit, Einschränkung von Machtbefugnissen, gleicher Entwicklung, politischem Pluralismus sowie moralischen und materiellen Aufschwung für alle Sudanesen“ zu schaffen.

Im April 2003 griff schließlich die frisch gegründete SLA einen Flughafen an, zerstörte Kampfjets und tötete Regierungssoldaten. Die sudanesische Armee flog daraufhin Luftangriffe auf die Zivilbevölkerung und unterstützte die Jenjaweed bei Überfällen auf Dörfer. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Seitdem starben laut Berichten von Menschenrechtsorganisationen etwa 70000 Sudanesen, doch diese Zahl ist schwer zu belegen, da es kaum unabhängige Beobachter in den betroffenen Gebieten gibt. 1,8 Millionen Menschen sollen auf der Flucht sein. Trotzdem kam ein Untersuchungsausschuss der Vereinten Nationen vergangene Woche zu dem Schluss, dass das Vorgehen der sudanesischen Regierung zwar ein „schweres Verbrechen“ darstelle, nicht aber die Kriterien für Völkermord erfülle. Dennoch, die willkürlichen Morde, Folterungen und Vergewaltigungen an Zehntausenden in Darfur sind für UN-Generalsekretär Kofi Annan „die schlimmste humanitäre Katastrophe der Gegenwart“. Die USA halten im Gegensatz zu den UN am Begriff Völkermord fest.

In den zerstörten Hütten des Dorfes Farawija findet man zerbrochene Emailleschüsseln, alte Lederkoffer, Plastikpantoffeln, verkohlte Bettgestelle, verschmorte Zahnbürsten. Auf dem einstigen Marktplatz liegen Dutzende gesprengte Tresore. In der Schule leisteten die Jenjaweed besonders gründliche Arbeit. Die Tafeln sind von den Wänden gerissen, und auf dem Boden finden sich Schulhefte und Bücher, von Hand in kleine Stücke gerissen. Auf manchen Fetzen sind noch Mathematikaufgaben, englische Vokabeln oder Mitschriften aus dem Islamunterricht zu erkennen.

SLA-Kämpfer sehen aus wie viele andere Rebellen in Afrika. Sie tragen Turban, Ray-Ban- Spiegelbrille und unter dem Kaftan Muskelshirts. „Wir kämpfen für Frieden und die Gleichberechtigung der afrikanischen Stämme in Darfur“, sagt Adam Ibrahim. Es klingt wie einstudiert. Seine Erzählungen vom Angriff auf sein Dorf aber scheinen authentisch, sie gleichen denen von anderen Augenzeugen – und sie passen zu dem, was man sieht.

Die Friedensverhandlungen zwischen den Rebellen und der sudanesischen Regierung, die in der nigerianischen Hauptstadt Abuja stattfanden, wurden Mitte Dezember abgebrochen. Die Rebellen wollten nicht mehr. Sie werfen der Regierung vor, den im April 2004 ausgehandelten Waffenstillstand gebrochen zu haben. Die Afrikanische Union beschuldigt hingegen beide Seiten.

Seit Dezember werden jeden Tag neue Schreckensmeldungen verbreitet. Besonders heftig sollen die Kämpfe in der Gegend um Labador sein – östlich von Nyala, der größten Stadt Darfurs. Und in der ersten Januarwoche griffen Antonowbomber und Jenjaweed die Rebellenhochburg Saya an, es soll viele Tote gegeben haben – die Zivilbevölkerung konnte nicht beschützt werden.

Derweil bekommen die Rebellen immer mehr Zulauf von denen, die sich nicht mehr anders zu helfen wissen. „Die Zivilbevölkerung ist die SLA“, sagt Sulemein Jamous, er ist Funktionär bei den Rebellen, er nennt sich humanitärer Koordinator. „Wir zwingen keinen, sich uns anzuschließen. Alle sind freiwillig hier.“ Wenn nötig, sagt er, wollen die Soldaten der SLA so lange weiterkämpfen, bis sie die Hauptstadt Khartum eingenommen haben. Zurzeit kontrollieren sie etwa 80 Prozent von Darfur, aber diese 80 Prozent bestehen ausschließlich aus Weideland, Wüsten oder kleinen Dörfern. Keine einzige Stadt ist unter ihrer Kontrolle. 35000 Mann will die SLA unter Waffen haben. „Wir können 200000 mobilisieren. Jeder Junge, der eine Waffe halten kann, wird bereit sein, für unsere Sache zu sterben“, da ist sich Jamous sicher.

Tatsächlich befinden sich jetzt schon viele Jugendliche unter den Rebellen, manche noch halbe Kinder. Hamid etwa, er behauptet, 16 Jahre alt zu sein, sieht aber aus wie 13. Auch er möchte seine Eltern rächen. Er entsichert seine Kalaschnikow und zielt auf einen imaginären Punkt in der Ferne, dann zeigt er auf seine Hijabs: „Mich kann keiner töten“, sagt er.

„Das schlimmste steht uns noch bevor“, sagt Jamous, der Funktionär. Hoffnung setzt die SLA auf die USA. „George W. Bush wird uns helfen“, sagt ein anderer der Rebellen. „In Afghanistan und im Irak lässt er ja auch Araber töten.“

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