Zeitung Heute : Faulheit: Leben Hänger länger?

Andreas Austilat

Mit Helmut Kohl fing es an. Der, damals noch Kanzler, führte 1993 das Wort vom "kollektiven Freizeitpark Deutschland" ein, um damit den Trend zur Trägheit zu geißeln - und den Deutschen einen Feiertag wegzunehmen. Acht Jahre später griff Gerhard Schröder das Thema auf, sprach den Landsleuten "das Recht auf Faulheit" ab. Und nun also Effenberg. Das Problem sei doch, befand der Noch-Bayern-Spieler, dass "viele vom Arbeitslosengeld so gut leben, dass sie keine Lust haben, morgens früh aufzustehen und bis in die Abendstunden zu buckeln".

Ein Mittdreißiger an der Schwelle zum wohlsituierten Vorruhestand taugt einfach nicht als Instanz in Sachen Arbeitsmoral. Das musste Effenberg auf die Füße fallen. Auf der Strecke blieb auch der gepflegte Müßiggang, einmal mehr als nichtsnutzige Faulheit diskreditiert. So geht das seit 200 Jahren. Benjamin Franklin zum Beispiel erklärte "Zeit ist Geld", und der Fließbanderfinder Henry Ford befand gar: "Die Zivilisation hat keinen Platz für Müßiggänger." Doch ungeachtet der vorherrschenden Lehrmeinung, dass Bewegung Not tut, gibt es Indizien, dass wir es eigentlich lieber anders hätten. Rund 75 Prozent der Deutschen sehnen sich nach einer Umfrage im Auftrag der DAK in ihrem Urlaub vor allem nach einem: Sie wollen faul sein. Stellen sie sich damit ins gesellschaftliche Abseits? Oder handeln sie instinktsicher?

Unter dem Buchtitel "Lebe faul, lebe länger" behauptet die Biotechnologin und Wissenschaftspublizistin Inge Hofmann, dass eine träge Lebensführung das Leben verlängert. Hofmann kann sich dabei auf Roland Prinzinger berufen, Zoologe und Experte für Stoffwechselphysiologie an der Universität Frankfurt am Main.

Warum ein Lebewesen altert, dafür gibt es eine ganze Reihe von Theorien, die neben der individuellen Lebensführung Faktoren wie die genetische Disposition oder den Verschleiß der Organe berücksichtigen. Nach der Stoffwechseltheorie bestimmt das Tempo aller Lebensvorgänge das erreichbare Lebensalter. Stehen dem Menschen also bauartbedingt nur eine bestimmte Zahl von Herzschlägen, Atemzügen und Darmkontraktionen zu? Ganz genau, glaubt Inge Hofmann und gibt in ihren Büchern Anleitungen, wie man sich vor vorzeitigem Verschleiß bewahrt.

Wie das gehen kann, dafür gibt es Beispiele aus der Zoologie. Die Katze etwa pflege mehr Muße als der Hund, der Lohn, glaubt Hofmann, sei eine höhere Lebenserwartung. Aber auch beim Menschen spricht einiges für den Erfolg einer ökonomischen Lebensführung. So bezahle der Mann seine Testosteronschübe mit einem höheren Stoffwechseltempo. Ist er ein verheirateter Familienvater, darf er zumindest statistisch mit einer höheren Lebenserwartung rechnen - weil er es fortan ruhiger angehen lässt.

"Faulheit ist biologisch sinnvoll", bestätigt auch der Psychiater Michael Stark vom Hamburger West-Klinikum. Jeder Nerv, jeder Muskel lebt vom Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung, nichts anderes gelte für die Psyche. Doch die Sache ist komplizierter als man denkt. Der Stress kommt von allein, als unbe-wusste Reaktion auf eine als bedrohlich eingestufte Situation. Doch weil wir weder flüchten noch kämpfen wie weiland der Urahn, den solche Reaktion mobil machte, bleibt uns die Anspannung oft auf Dauer erhalten. Sie belastet als Verspannung Muskeln und Gelenke. Und Stark diagnostiziert bei seinen Patienten immer häufiger Angstzustände oder Erschöpfungsdepressionen. "Die Leute ackern aus Angst um ihren Job bis zur Belastungsgrenze, und zwar auf allen Etagen."

Nur abschalten können sie scheinbar nicht. In eingangs erwähnter Umfrage, räumten rund 20 Prozent der Befragten ein, mindestens genauso gestresst aus dem Urlaub zurückzukehren. Für Stark keine Überraschung, denn "Entspannung funktioniert nun einmal nicht auf Knopfdruck. Jemand, der aus einem fordernden Alltag kommt, der wird nach drei Tagen Strand rappelig, dem ist das Wissen verloren gegangen, wie man entspannt."

Gleiches könnte freilich auch Effenberg drohen - wenn er sich wirklich aus dem Arbeitsleben in den Vorruhestand verabschiedet. Denn, "wer dauernd in Muße ist, erlebt auch keine Entspannung mehr, weil ihm jedes Gefühl für Anspannung abhanden gekommen ist", erklärt der Münchner Neurowissenschaftler Ernst Pöppel. Und das kann ganz schön stressend sein.

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