Zeitung Heute : FAZ endlich im Netz: Langer Marsch ins Internet

Hendrik Vöhringer

Die Bauarbeiten sind beendet. Das lang erwartete Informationsportal der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) scheint auf festen Füßen zu stehen und kann ab Montag unter der Adresse www.faz.net besichtigt werden. Damit ist die FAZ spät dran. Alle anderen großen Tageszeitungen sind schon seit langer Zeit online. Ob "Süddeutsche Zeitung", "Welt", "Frankfurter Rundschau" oder Tagesspiegel - überall können rund um die Uhr aktualisierte Nachrichten und die Printausgabe abgerufen werden. Wer bisher auf faz.de klickte, wurde enttäuscht: Neben Verlagsinformationen und dem kostenpflichtigen Archiv fanden sich nur Stellenanzeigen und ein Link zur englischen Ausgabe.

Die Planungen für eine ausgeklügelte Architektur des neuen Portals reichen weit zurück: Schon im Oktober 1999 kündigten die Frankfurter ein eigenes publizistisches Angebot für das Internet an. Dafür werde, so hieß es seinerzeit in einer Mitteilung des Verlages, eine eigene Internet-Redaktion für die Bereiche Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur aufgebaut, die spezifische redaktionelle Inhalte im Internet entwickeln solle. "Wir wenden uns speziell an jüngere, elektronisch interessierte Zielgruppen mit höchsten Ansprüchen", sagte Edmund Keferstein, stellvertretender FAZ-Geschäftsführer.

Zumindest damals lautete die Marschrichtung: Ein vollständiges tagesaktuelles Angebot der Zeitungsinhalte werde es nicht geben. Hugo Müller-Vogg, einer der Herausgeber, erklärte, dass "wir unsere Inhalte nicht ins Netz" stellen werden. Lediglich ein umfangreiches Inhaltsverzeichnis solle Lust auf das Printprodukt machen.

Der angekündigte Kurs wird auch heute weiter verfolgt. Tatsächlich wird es unter faz.net keine Zeitung im Netz geben. Zwar werden einzelne ausgewählte Texte aus ihr im Internet erscheinen. Doch für die neue Website wurden extra 32 neue Online-Redakteure angestellt. Sie sollen weitgehend unabhängig von der Printredaktion arbeiten und für eigene Beiträge und ständig aktualisierte Tickermeldungen sorgen.

Neben den Nachrichten wird es die frei zugänglichen Service-Blöcke Bücher, Reisen und Gesundheit geben. Das umfangreiche Archiv, bei den meisten großen Tagesszeitungen kostenlos, wird auch weiterhin Geld kosten.

Auch die "English Edition" der FAZ wird weiterhin angeboten. Nachdem sich im letzten Jahr Korrespondenten aus New York gemeldet hatten und darüber klagten, dass die FAZ in den USA kaum mehr wahrgenommen würde, erschien unter der Adresse www.faz.com die englischsprachige Ausgabe der Zeitung. Bislang lag dieser Teil der "International Herald Tribune" in Deutschland, Österreich und Luxemburg bei.

Grafisch seriös, schlicht und übersichtlich bietet die Seite neben den Artikeln auch Themenschwerpunkte und hilfreiche Links. Und was die Branche damals überraschte: Es gab Aufmacherfotos, wenn auch nur in schwarz-weiß.

Ein Anblick, an den sich die User gewöhnen dürfen. Denn der neue Auftritt der FAZ wird sehr internetspezifisch ausfallen. Darauf deutete schon die Stellenanzeigen für "Internet-Redakteure für Audio/Video" hin, die die FAZ geschaltet hatte. Farbige Fotos werden zur Selbstverständlichkeit, aber auch eine Zusammenarbeit mit dem "FAZ 93,6 - Das Businessradio" mit abrufbaren O-Tönen ist wahrscheinlich. Weitere multimediale Elemente dürften den optischen Abstand zum Mutterblatt weiter vergrößern.

Vielleicht war der hohe technische Aufwand der neuen Site auch ein Grund, warum sich der deutsche Auftritt der FAZ im Kalender immer weiter nach hinten verschob. Zuerst verpassten die Frankfurter ihren Novembertermin, dann konnte auch der Stichtag im Dezember nicht eingehalten werden. Als offizieller Grund wurden Probleme mit dem Redaktionssystem und offene Fragen zur inhaltlichen Ausrichtung angegeben. Für die FAZ aber kein Grund zur Bescheidenheit: In einer Mitteilung, dass die Internet-Ausgabe Mitte Januar endlich an den Start gehen werde, hieß es: "Herausgekommen ist nicht einfach eine neue Website, sondern ein umfassendes Angebot, das in dieser Form im World Wide Web einmalig ist."

Wie dieses "einmalige" Angebot im Detail aussehen wird, bleibt bis Montag noch ein Geheimnis. Sowohl die FAZ Electonic Media GmbH, die für die Site verantwortlich ist, als auch der FAZ-Verlag selbst halten sich bedeckt und verweisen auf die Präsentation und die Pressekonferenz am Dienstag. Man darf gespannt sein.

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