Zeitung Heute : FC Bayern München: Ohne Sforza steht die Null

Detlef Dresslein

Die Höhepunkte der Aktivität für Fußballprofi Ciriaco Sforza liegen derzeit in der zweiten Halbzeit. Da nämlich darf er sich warmlaufen. 30, 35 Minuten lang, dann ist auch der dritte Kollege zum Kurzarbeit geschickt worden und Sforza darf sich wieder auf die Ersatzbank des FC Bayern München setzen. Oder duschen gehen. Am vergangenen Sonnabend erlebte der Schweizer das zum zweiten Mal hintereinander. Heute abend wahrscheinlich zum dritten Mal, wenn Spartak Moskau zum ersten Champions-League-Spiel im Jahr 2001 anreist.

Irgendwie können sie ihn nicht brauchen. Eingekauft für die zweithöchste Ablöse der Vereinsgeschichte, 12,8 Millionen, sollte er Führungsspieler sein, erster Mann auf dem Feld hinter Stefan Effenberg. Jetzt nervt er nur noch mit seiner Larmoyanz. Er werde gemobbt, verkündete Sforza vorvergangene Woche, und die Mannschaft habe sich bereits im Trainingslager und hinter seinem Rücken gegen ihn ausgesprochen. So etwas kommt bei den Kollegen immer gut an. "Er braucht nur a bisserl besser spielen und a bisserl mehr laufen, dann wird er wieder von allen geliebt", frozzelt Präsident Franz Beckenbauer. Und Manager Uli Hoeneß hat viel zu tun und deshalb "keine Zeit, 98 Stunden mit Herrn Sforza zu diskutieren".

Dazu ist Sforzas Beliebtheitsgrad in der Mannschaft durch seine öffentlichen und veröffentlichten Jammereien in den letzten Tagen nicht besonders angestiegen. Auch wenn Uli Hoeneß sagt, "dass alle neuen Spieler sechs bis acht Monate brauchen sich beim FC Bayern zu etablieren", ist eine Trennung zum Saisonende nicht mehr ausgeschlossen. Sforza hat in der teaminternen Hackordnung und im egozentrisch geprägten bajuwarischen Erfolgssystem irgendwo die Orientierung verloren

Obendrein verteilt Trainer Ottmar Hitzfeld kleine Nadelstiche. "Wichtig ist Stabilität in der Hintermannschaft. Und wir haben im Abwehrbereich Fortschritte gemacht", sagte er vor dem "eminent wichtigen" Spiel gegen Moskau. Fortschritte gemacht haben sie in der Abwehr, seit Jens Jeremies Libero spielt. Denn das tut er hervorragend. Bereitete gegen den VfB Stuttgart sogar das Tor des Tages mit vor, sorgte für einigen Druck nach vorne und hinten stand die Null. Alles Dinge, die Sforza selten leistete.

Mit Jeremies als Libero hat der FC Bayern zweimal gewonnen. Wird diese Serie heute gegen Moskau fortgesetzt, dann wird Jeremies wohl dauerhaft Libero bleiben. Und Sforza käme nur noch zum Einsatz, wenn er oder die andere Leitfigur Effenberg verletzt oder gesperrt sind. Immerhin: Am kommenden Sonnabend zum Derby in Unterhaching fehlt Effenberg wegen einer Gelbsperre.

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