Zeitung Heute : FDP: Dem Star das Wasser reichen

Robert Birnbaum

Irgendjemand hat vergessen, ein Glas Wasser auf das Rednerpult zu stellen. Das ist ganz schlecht. Guido Westerwelle schreit nämlich seit einer Viertelstunde wie eine Volksausgabe des Prinzen Hamlet von der Bühne des Stuttgarter Staatstheaters ins Publikum. Eigentlich nicht seine Art, aber Westerwelle ist nervös. Und müde. Bis in den Morgen hinein hat er an dieser Rede gearbeitet. Später, vor dem versammelten Präsidium der Freien Demokraten im Hotel Zeppelin, nachdem Wolfgang Gerhardt noch einmal dargelegt hatte, wie es gekommen ist, dass er Westerwelle beim Parteitag im Mai zu seinem Nachfolger vorschlagen wird, hat Westerwelle bekundet: "Mir ist es ziemlich eng in der Brust." Jetzt schreit er gegen die Enge an. Hilfe suchend guckt er nach hinten, macht Zeichen mit der Hand: Kann mir denn nicht mal jemand ... ? Rasch steht jemand auf und geht mit seinem eigenen Glas zum Podium. "Das ist lieb!" Westerwelle gerät fast ins Stottern. Der Jemand, der so viel praktisches Verständnis für die Nöte eines heiseren Redners zeigt, ist Jürgen W. Möllemann.

Ja, das hätte ein schönes Foto der Versöhnung werden können vom Stuttgarter Dreikönigstreffen der Liberalen. Wäre da nicht zum Beispiel der einsame Rufer im Publikum gewesen, der bei der Vorstellung der Prominenz am Sonnabendmorgen, als die Reihe an Möllemann kam, lautstark "Kanzlerkandidat" rief. Hätte nicht besagter Möllemann tags zuvor schon wieder eben diesen Titel für sich zu reklamieren gesucht. Und wäre es nicht sowieso eine Illusion zu glauben, dass der angekündigte Vollzug eines fälligen Führungswechsels wirklich so etwas wie einen Neuanfang des organisierten Liberalismus in Deutschland darstellte.

Nein, es ist noch alles beim Alten. Weshalb Westerwelle sich auch sofort wieder gefangen hat und konstatiert: "Damit ist endlich klargestellt, dass der Jürgen Möllemann mir sehr wohl das Wasser reichen kann." Das Publikum der freidemokratischen Traditionsveranstaltung feixt. Ob es am Wasser liegt oder am Witz - von da an hat der Redner sich gefunden. Und kann endlich die Rede halten, die er sich vorgenommen hatte: eine bescheidene Ansprache des künftigen Vorsitzenden an sein künftiges Parteivolk. Er redet von den herrlichen Zeiten, denen die Freien Demokraten in Deutschland entgegengingen, weil die deutsche Gesellschaft sich auf die Freien Demokraten zubewege. Er redet über eine Zukunft als "Partei für das ganze Volk". Nicht "Volkspartei", wie Möllemann jetzt wieder gesagt hätte. Die kleine, die entscheidende Nuance.

Westerwelle hat dann übrigens nichts mehr weiter über den nordhrein-westfälischen Landesvorsitzenden Möllemann gesagt, nur alle in der Partei um Unterstützung im neuen Amt gebeten: "Das wird auch für mich am Ende nicht schwer" - der künftige Parteivorsitzende der Liberalen merkt den Versprecher, bessert nach: "nicht leicht". Das wird es bestimmt nicht. "Der muss den Möllemann jetzt frontal rannehmen", hat am Vorabend beim traditionellen Ball im Alten Reitstall einer aus der älteren Garde der Parteiführung gesagt.

Aber der Fall Möllemann wird von nun an von einem anderen erledigt: "Für mich ist Loyalität eine unverzichtbare Qualität für Führungspersönlichkeiten in der FDP", sagt Wolfgang Gerhardt. Der Saal klatscht - außer dem Angesprochenen natürlich. "Man muss sich auch einmal zurücknehmen können!" Gerhardt hört gar nicht mehr auf. So besessen ist er von dem alten Feind, dass er sich später fast verspricht: "Lassen Sie nicht zu, dass dieses Großmaul Jü ... - Joschka Fischer ..."

Wolfgang Gerhardt ist in diesen Tagen der Liebling der Basis, wird tröstend überall in warmen Beifall gehüllt. Müde ist auch er. Bitter wirkt er nicht, im Gegenteil. Er ist jetzt frei, bald nur noch Chef der Fraktion. Er mache dieses Amt übrigens "außerordentlich gerne" - Gerhardt kennt ja die Flüsterparolen: auch dies nur noch Übergang. Freitagnacht beim Ball, nachdem Ireen Sheer gesungen hatte, Wunderkerzen sprühten, ist Gerhardt in der Polonaise durch den Reitsaal mitgezogen, lachend. Da spielte die Musik gerade ein altes Beatles-Stück: "With a little help of my friends." Hilfe wird er tatsächlich brauchen - und nicht wenig.

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