Zeitung Heute : Fehlende Anerkennung und Stress erhöhen das Suchtrisiko

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Der Chef macht mal wieder Druck, die Sekretärin fühlt sich überfordert - Entspannung tut Not. Dass der Griff zur Flasche oder in den Medikamentenschrank auch durch beruflichen Stress ausgelöst werden kann, ist inzwischen eine allgemein akzeptierte These. Doch die Zusammenhänge sind bislang kaum erforscht. Die Forschungsstelle "Arbeit und Gesundheit" an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster unter der Leitung des Soziologen Hanns Wienold hat sich bezeichnenderweise in der Vorweihnachtszeit mit den Ergebnissen einer Untersuchung an die Öffentlichkeit - und dabei vor allem an die Adresse von Vorgesetzten - gewandt. Die Studie thematisiert nämlich genau das, was Chefs besonders oft vermissen lassen: Lob und Anerkennung.

Für die empirische Studie wurde ein Ansatz aus der Herz-Kreislauf-Forschung auf die Suchtforschung übertragen. Das Bundesforschungsministerium stellte dafür 1,5 Millionen Mark zur Verfügung. Zentrale These des münsterschen Forschungsteams (nachzulesen unter http://www.uni-muenster.de/Soziologie/projekte/Arbges/index.htm ) ist die Annahme des Düsseldorfer Medizinsoziologen Johannes Siegrist, dass sogenannte Gratifikationskrisen Herz-Kreislauf-Erkrankungen hervorrufen können. Das bedeutet: Bei zu wenig Anerkennung - sei es in materieller oder immaterieller Form - in Verbindung mit zu hoher Arbeitsbelastung kann eine gesundheitliche Gefährdung eintreten. Vor allem dann, wenn ein Arbeitnehmer durch Probleme des Betriebes in Existenznot gerät. In zwei Befragungen unter Arbeitslosen und Arbeitnehmern ermittelten die Sozialwissenschaftler den Gratifikationskrisen-Index und setzten ihn in Verbindung mit den Wirkungserwartungen, die typischerweise an Alkohol gerichtet sind. Eindeutiges Ergebnis: Gratifikationskrisen erhöhen das Suchtrisiko. Allerdings nur das Risiko. Alkoholmissbrauch ist noch von anderen Faktoren abhängig. Genannt werden zum Beispiel fehlendes Selbstvertrauen und mangelnde soziale Kompetenz. Laut Studie besonders gefährdet sind Menschen mit "ausgeprägten Kontrollambitionen, die nicht aufgeben, bevor nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind und sich so selbst unter Druck setzen". Der Chef ist also keinesfalls immer schuld.

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