Zeitung Heute : Fein für Kerle

Warum das bisherige Recht jungen Männern nützt und Mütter arbeitslos lässt

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Unter Sozialwissenschaftlern ist inzwischen kaum noch umstritten, dass Bestimmungen wie Kündigungsschutz, Teilzeitgesetz, Mutterschutz oder Schwerbehindertenschutz zwar diejenigen sehr effektiv vor einer Kündigung schützen, die einen festen Arbeitsplatz haben. Wer aber arbeitslos ist und dazu alt, behindert oder junge Mutter, hat wegen dieser Bestimmungen mehr Probleme als alle anderen, eine neue Stelle zu finden.

Die meisten Ökonomen bezweifeln, dass beispielsweise eine Lockerung des Kündigungsschutzes tatsächlich messbar neue Arbeitsplätze brächte. Genauso überzeugt aber sind sie davon, dass sich die Auswahlkriterien der Arbeitgeber verändern würden.

Der Grund: Weil die Arbeitgeber wissen, dass eine Kündigung erstens schwierig und zweitens teuer wird, stellen sie lieber Bewerber ein, die sie einfacher wieder loswerden. Oder solche, bei denen das Risiko vergleichsweise gering ist, dass sie einen Teilzeitarbeitsplatz fordern, in Mutterschutz gehen oder mehr Krankheitstage als andere haben werden. Der britische Ökonom Richard Layard hat herausgefunden, dass genau aus diesem Grund die Beschäftigungsquote benachteiligter Gruppen in Deutschland niedriger ist als in den meisten anderen OECDLändern.

Die Benchmarking–Gruppe im Bündnis für Arbeit trennt aus diesem Grund zwischen Außenseitern und Insidern auf dem Arbeitsmarkt. Für die Außenseiter werden die Chancen auf Wiederbeschäftigung immer schlechter, je mehr diejenigen geschützt werden, die drin sind. Die fünf Wissenschaftler, die in der Benchmarking- Gruppe arbeiten, stellten in einem Gutachten eine weitere paradoxe Wirkung fest: Junge, gut ausgebildete Männer, die einen Vollzeitarbeitsplatz suchen, sind auf dem Arbeitsmarkt ohnehin privilegiert, weil die Unternehmen sie gern einstellen. Sie aber werden noch weiter bevorzugt, wenn die Schutzbestimmungen besonders umfassend sind. Das Fazit der Wissenschaftler: Für Arbeitssuchende wirken die gut gemeinten Schutzvorschriften eher kontraproduktiv. Vor allem ältere Arbeitnehmer haben in Deutschland kaum noch Chancen auf eine Einstellung. Einen weiteren Grund dafür sehen die Wissenschaftler in der so genannten Sozialauswahl bei betriebsbedingten Kündigungen. Dabei werden ältere Arbeitnehmer – weil ihre Chancen auf eine neue Arbeit gering sind und weil sie meistens Familie haben – in der Regel verschont. Für diejenigen, die bleiben dürfen, ist das gut. Für diejenigen, aber die kommen wollen, sinken die Chancen.

Daraus hat die Hartz-Kommission Konsequenzen gezogen. Sie verständigte sich darauf, für ältere Arbeitslose Kettenarbeitsverträge zuzulassen. Das heißt, dass Unternehmen ältere Arbeitslose unbegrenzt befristet beschäftigen dürfen. In der Praxis wirkt das wie eine Lockerung des Kündigungsschutzes. uwe

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