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GREGOR SCHMITZ-STEVENS

Bekenntnismusik: Louis Lortie spielt Beethoven im SchauspielhausGREGOR SCHMITZ-STEVENSEs gibt viele Möglichkeiten, Beethovens Klaviersonaten zu spielen: frei, quasi improvisatorisch wie Daniel Barenboim, als Charakter- und Klangschattierungsstudien wie Maurizio Pollini oder als große intellektuelle Architekturen wie Alfred Brendel.In einer anderen Tradition steht der kanadische Pianist Louis Lortie: die Ahnen seiner Beethoven-Interpretation sind eher Artur Schnabel oder Rudolf Kolisch - Vertreter genauer Texttreue und rasanter Tempi, einer modernen Sichtweise, die die aufrüttelnde, revolutionäre Kraft der Kompositionen unmittelbar spürbar macht. So spielt Lortie die Sonate f-Moll Opus 2,1 im kleinen Saal des Schauspielhauses wild, feurig, rasch - sie wirkte unter seinen Händen wie zukunftsweisende, expressionistische Bekenntnismusik, weniger wie das klassisch-ausgewogene Produkt des Kompositionsunterrichts bei Haydn.Doch ein gewisses klassisches Ebenmaß ist auch Lorties Interpretation eigen: nie ist sein Ungestüm so groß, das er, wie etwa Schnabel, einen falschen Ton riskieren würde.Inmitten des sturmdurchtosten Finales ließ Lortie die kantable As-Dur-Melodie als Folge eines plötzlichen, fast schockierenden Stockens hörbar werden - das hat man selten so eindringlich gehört. Launisch, scherz- und schalkhaft - als Gegenstück zur f-Moll-Sonate spielte Lortie die Sonate F-Dur Opus 10,2.Mit hörbarer Spielfreude führte er den formalen Witz der Komposition vor, zum Beispiel bei der Scheinreprise im ersten Satz.Nach so fulminantem interpretatorischen Zugriff wirkte die "Waldstein-Sonate" C-Dur Opus 53 erstaunlich verhalten.Lortie wählte hier eher ruhige Tempi, ließ den akkordischen Beginn zurückhaltend und ganz pedallos erklingen.Wird die Sonate oft als naturnahe, fast bildliche Programmusik mißverstanden, so wirkte sie hier - zumindest im ersten Satz - fast ein wenig zu nüchtern.Die gespannte Stille des "Adagio molto" freilich und das erstaunlich lyrisch anhebende Finale entschädigten rasch.Endlich ein Pianist, der Beethovens Dynamik- und Pedalanweisungen ernst nimmt! Und mit dieser seriösen, zugleich aber mutigen Interpretation wurden auch vermeintlich kleinere Werke - wie die Variationen über "God Save The King" und das "Andante Favori" - zu veritablen Ereignissen. 

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