Zeitung Heute : Felsensteins lachende Erben

MANUEL BRUG

Zum 50jährigen Jubiläum der Komischen OperVON MANUEL BRUGTradition! Viele in dieser Stadt berufen sich augenblicklich darauf, versuchen mit der Beschwörung von Historie die beißwütigen Vampire des Sparens zu bannen.Alter, Würde, Bedeutung sollen, immer wieder angerufen, den Ist-Zustand sichern oder wenigstens die Schließung verhindern - das Menetekel Schiller-Theater ist noch frisch.Selten war der kulturelle Bestand Berlins so ungesichert wie heute.Selten präsentierte er sich in weiten Teilen so wenig einladend, so grau und müde geworden, so aktionistisch wie heute. Auf der Museumsinsel halten sie ihren Säulenheiligen Wilhelm von Bode hoch, obwohl es dort aussieht wie bei Hempels unterm Sofa.Am maroden Berliner Ensemble werden zwei Jahre Brecht-Hoch-Zeit nun schon von mehreren Erbengenerationen mit abnehmendem Erfolg verspielt.Über der ratlos gewordenen, noch nicht einmal dreißigjährigen Schaubühne schwebt der Schatten Peter Steins, durch die Hallen des Deutschen Theaters geistert noch immer Max Reinhardt.Frank Castorf kämpft an der Volksbühne unverdrossen gegen eine nicht mehr existierende DDR, Johann Kresnik hängt seligen Apo-Tagen nach. Jedes Orchester schiebt seine Furtwänglers, Karajans, Sanderlings und Fricsays vor, wenn es ans Eingemachte geht, seinen einstigen Auftrag in der geteilten Stadt oder einfach seine Weltgeltung.Letzteres zieht wohl noch am meisten.Singakademie und Chor der Hedwigskathedrale existierten unverdrossen doppelt weiter und spielen Kalten Krieg.Das fast hundertjährige Metropol-Theater konnte auch sein Jubiläum (vorerst) nicht retten, da ist erst mal Schluß mit lustig.Die Staatsoper Unter den Linden windet samt -kapelle und Ballett ihrem Gründer Fridericus Rex immergrüne Kränze, obwohl sie in einem innen historisch völlig verfälschten Gebäude spielt.Die Deutsche Oper steht auch schon unter Denkmalschutz, obwohl die Vorkriegsinstitution der Charlottenburger, später der Städtischen Oper auch nur ein Kind dieses Jahrhunderts war.So zementiert jeder sein Dasein im Gestern und verwaltet doch nur den Mangel von heute. Jetzt also, in dieser jubiläumswütigen Zeit, auch noch das 50jährige Jubiläum der Komischen Oper! Einen seltsamen Bastard hat da 1947 der (zeitlebens) österreichische Regisseur Walter Felsenstein dem russischen Oberst Sergej Tjulpanow abgerungen.Die Lizenz lief auf ein "städtisches Operetten-Theater", am 23.Dezember hob sich der Vorhang zum ersten Mal über einer "Fledermaus" und versöhnlich verkündete Felsenstein: "Abseits vom belanglosen Amüsement und abseits vom unpopulärem Experiment soll die Komische Oper Freude bereiten." Darauf hat sie sich weder ihrem Publikum noch ihren Geldgebern gegenüber beschränkt, sie hat sie gefordert, hat zum Nachdenken gebracht.Hier sprach man schnell und oft deutlich auf der Bühne aus, was anderswo nicht möglich war. Das Kuckucksei, das Felsenstein da an der Behrenstraße auszubrüten im Begriffe war, es hatte viele Vorfahren.Der Name deutet auf die französische Opéra Comique hin, die volkstümliche Oper mit gesprochenem Dialog, die auf den Prunk der großen Schwester verzichtete.Oper, das war für Felsenstein, nackt und ohne Zusatz, ein Schimpfwort. Auch das Vorgängerinstitut, die von Hans Gregor privat geführte Komische Oper am Schiffbauerdamm, die nur sieben Jahre existierte, sowie die in den nur vier Jahren ihres Bestehens von 1927-31 Weltgeltung erlangende, ultramoderne Kroll-Oper, sie sollten hier wiedergeboren werden.Natürlich gedachte man auch der Aura des halbzerstörten, noch einmal fünfundfünzig Jahre älteren Gebäudes, in dem man sich eingenistet hatte.Im von den österreichischen Theaterarchitekten Fellner & Hellmer neobarock entworfenen Zuschauerraum des ehemaligen Metropol-Theaters hatte schließlich Berlins regierende Operettenkönigin Fritzi Massary ihren allzu keuschen Joseph Max Pallenberg bezirzt, hier feierten Richard Tauber, Vera Schwartz und Gitta Alpar Triumphe.Freilich sollte dieser Flitter nur in abgemilderter und für die neue Volksgemeinschaft goutierbarer Form Einzug halten: bis heute präsentiert sich der einst üppig vergoldete Zuschauerraum in vereinfachter, weiß übertünchter und auf das schwülstige Deckengemälde verzichtender Form.Unterhaltung - aber mit Anspruch - sollte hier stattfinden, und nichts durfte ablenken vom singenden Menschen auf der Bühne, den sich Walter Felsenstein zum Ideal erhob und an dessen perfekter Ausformung er 27 Jahre unerbittlich feilte. Die Komische Oper wurde so eine weltberühmte, auf vielen internationalen Gastspielen gefeierte Institution und begründete - in unserer kurzlebigen Zeit - wirklich eine Tradition.Von den drei Musiktheatern, die im Nachwende-Berlin als Kronjuwelen in den Kulturetat die Löcher reißen, ist sie wirklich unverzichtbar, weil einzigartig, nicht austausch-, geschweige denn ersetzbar.Das spürt jeder, der noch heute vom starken Hausgeist der Behrenstraße befallen wird. Aber wie geht man dort 1997 mit dem Felsenstein-Erbe um? Es scheint so, als habe sich die Komische Oper augenblicklich ein wenig in die Isolation begeben.Das begann schon 1961 mit dem Bau der Mauer, als das Haus, von seinem starken Übervater verteidigt, beinahe exterritoriales Gebiet wurde.Hier arbeiten weiterhin viele Westler, hier schottete man sich ab, denn hier galt es nur der Kunst.Ideologische Grabenkämpfe wurden anderswo geschlagen, hier verfolgte man einen Musiktheater-Auftrag. Doch je mehr Walter Felsenstein und seine Schüler und Nachfolger Götz Friedrich, Joachim Herz und Harry Kupfer auch selbst in ganz Europa inszenierend diese Saat einer realistischen Menschendarstellung und ihrer glaubwürdigen Vermittlung aufgehen ließen, um so weniger mußte man gegen die scheinbar kulinarische Oper kämpfen.Das Regietheater heutiger Bauart, wie es inzwischen auch an den meisten großen Häusern gepflegt wird, ging mit von diesem Ort aus.Inzwischen sieht es an seiner Geburtsstätte ziemlich alt aus.Eine gewisse Spießigkeit DDR-eigener Prägung durchzieht das Haus, Sinnlichkeit und Raffinesse scheint verpönt, allzu oft regiert Genosse Holzhammer. Als 1992 die Ära Felsstein mit dem Auslaufen seiner letzten Inszenierung, dem längst legendären "Ritter Blaubart", wirklich zu Ende ging, sah sein Nachfolger Harry Kupfer schon längst nicht mehr so frisch aus wie bei seinem Antritt 1981.Wurde damals vor allem in "Boris Godunow", in "Lear", in der "Lustigen Witwe" und in "Judith" Kritik an den herrschenden Zuständen laut, waren Händels "Giustino" und "Orpheus und Euridice", die den Altus Jochen Kowalski erst zur Kuriosität machten und dann zum Weltstar katapultierten, so aufregende wie vergnügliche Neudeutungen und Kupfers Mozart-Zyklus ein geschlossener, noch immer gültiger Wurf, so liegt heute Mehltau über vielen seiner Arbeiten.Der Drang, immer Neues zu schaffen (der den Zwang zur Wiederholung in sich trägt), scheint ihn kaum noch zum Überdenken einer überkommenen Formensprache zu veranlassen. Dieses Problem kann auch Oberspielleiterin Christine Mielitz nicht lösen, die in ihrem Mitteln zu sehr Kupfer verhaftet ist.So war an der Komischen Oper, die durch ihr in Treue festes, eng zusammenrückendes Stammpublikum in ihrer Haltung noch bestärkt wird, in den letzten Jahren der einzige ästhetische Lichtblick die "Falstaff"-Inszenierung von Andreas Homoki.Die hatte Witz, Einfallsreichtum, Menschlichkeit - alles Tugenden dieses einzigartigen Hauses.Daß Homoki im nächsten Jahr zurückkehrt, läßt für die Zukunft hoffen. Einer Auseinandersetzung mit der Problematik einer Neupositionierung scheint man aber bewußt aus dem Weg zu gehen - die Jubiläumsbücher über Kupfer und die Komische Oper beschränken sich auf Grußworte von Felsenstein-Freunden.Die bei der Edition Suhrkamp als Band 986 erschienene Sammlung mit Felsenstein-Texten ist da ungleich radikaler.Regierte an der Komischen Oper lange Zeit immer wieder die Optik, so ist dies seit der Berufung von Yakov Kreizberg als Generalmusikdirekor anders.Er führt sein Orchester an straff gespanntem Zügel und entwickelt in den Konzerten immensen Ehrgeiz.Inzwischen geht man in die Komische Oper also auch wieder des Hörgenusses wegen. Insgesamt wird das Haus aber mit einigen Problemen zu kämpfen haben.Immer schwieriger sind Sänger zu finden, die ihre Rollen auf Deutsch lernen, sich auf die langen Probenzeiten und auf das unverbrüchliche, hier nach wie vor sinnfällige Prinzip des Ensembletheaters einlassen wollen.Das aber sollte die Komische Oper hochhalten, denn genau hier liegt inzwischen der Unterschied zu den großen Opern, die sich immer mehr auf ein Stagione- oder Semistagionesystem umstellen müssen. Wenn schon Berlins andere beiden Opernhäuser bis heute keine Möglichkeit gefunden haben, sich im Repertoire sinnvoll abzustimmen und dies sicherlich - bis auf den Barocksektor - auch in Zukunft nicht tun werden, weil es keinen Sinn macht, zwei teilamputierte Institutionen weiterzuführen, sollte sich die Komische Oper gerade deshalb fragen, ob es klug ist, - wie in dieser Jubiläumsspielzeit - Doubletten oder ungeeignete Stücke wie "Macbeth", "Fidelio" und "Turandot" in ihr Repertoire zu nehmen.Der Opernkatalog ist reichhaltig, und auch in Sparzeiten ist das Publikum nicht nur mit todsicheren Rennern zu ködern.Phantasie, Kreativität und der Mut zum Neuen sind an diesem Haus also weiterhin gefragt.Dann kann es getrost die nächsten fünfzig Jahre den einmal eingeschlagenen Weg fortführen. Die Komische Oper feiert heute um 11 Uhr mit einem Festakt, bei dem Walter Jens spricht.Am 23.Dezember steht die "Fledermaus" mit Gästen auf dem Programm.

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