Zeitung Heute : Feridun Zaimoglu, Schriftsteller

Befragt von Beatrix Schnippenkoetter

WAS ICH MAG

1. Beim Aufwachen: Den Blick auf die frisch

gestrichene Zimmerdecke und die Aussicht auf die erste Zigarette des Tages.

2. Zu Hause: Den Fluchtinstinkt.

3. Beim Schreiben: Das Hungergefühl und die schöne asoziale Begierde.

4. Am Theater: Die Kantine. Den Bühnenrand,

auf dem ich nach der Premierenvorstellung stehe. Den Hass der Buhrufer.

5. An Deutschland: Die Wucht. Die Härte. Den

Himmel. Den Selbstvernichtungstrieb.

6. An der Türkei: Den Tand. Die regennasse Erde.

Das weite wüste Land.

7. An meinem Leben: Dichten bis zur Erschöpfung.

Viele Plätze. Viele Menschen. Keine Zeit zur

Selbstvergewisserung. Wenig Zeit.

8. Ein Satz, den ich gerne öfter hören würde:

Ich bin mir nie genug.

WAS ICH NICHT MAG

1. Beim Aufwachen: Die Nacht ist vorbei.

2. Zu Hause: Die brüllenden Nachbarn.

3. Beim Schreiben: Der fertig geschriebene Roman und der folgende Sturz ins kalte Nichts.

4. Im Theater: Die feinen Bürgerdamen und

Bürgerherren Kritiker: Ihre Gebrauchsprosa

ist ein Witz.

5. An Berlin: Das Wir-sind-uns-selbst-genug-ProvinzDeppengetue.

6. An Deutschland: Die Wichte. Die Knilche.

Die jungen Konservativen. Die Handballfans.

7. An der Türkei: Die Autofahrer. Die verbiesterten Ehefrauen. Das Ehedogma. Der leichte Tod.

8. An meinem Leben: Zu wenig Schlaf. Stundenlange rauchfreie Fahrten zu den Städten während meiner Lesetouren. Kein fester Ort.

9. Ein Satz, den ich nie wieder hören möchte:

Sei doch mal zufrieden.

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