Zeitung Heute : Fern von Smilla und Sofie

KATRIN HILLGRUBER

"Zugvögel" - Literatur aus dem Norden in der "literaturWERKstatt berlin"KATRIN HILLGRUBER"Lieber ohne Schuh als ohne Buch" lautet angeblich ein isländischer Wahlspruch, und die Finnen sollen ganze Romane zum Frühstück verschlingen - der Nordische Ministerrat setzt mit seinem "Literaturjahr in Deutschland" einen kraftvollen bibliophilen Akzent.Lars Gustafssons Gedicht "Zugvögel" gab der Gastspielreise den Titel.Ohne alle Klischees von Mitternachtssonne und Lachsschnittchen entfaltet sich gegenwärtig in der "literaturWERKstatt berlin" dänische, schwedische, norwegische, isländische und finnische Prosa und Lyrik jenseits des Fräuleinwunders von Smilla und Sofie.Vetle Lid Larsson entsprach mit seiner Lesung am ersten, Norwegen gewidmeten Abend noch am ehesten den gängigen Vorstellungen vom skandinavischen "Volksheim" - indem er sie in seinem juvenilen Roman "Mein scheußlicher Bruder, Onkel Harry und ich" karikierend auf die Spitze treibt: "Jede Demo hat ihre Persönlichkeit", heißt es da, oder "wenn ich je sterbe, dann kollektiv".Die früh erlebten Schrecken des Sozialrealismus, der Wunsch, sich von den notorisch radikalen Eltern abzusetzen, machten es Larssen lange Zeit unmöglich, Jeans zu tragen, zu sehr empfand er das Kleidungsstück als Uniform.Mittlerweile konnte er sich überwinden, und der neue, noch unübersetzte Roman des 37jährigen "Die Liebe vor dem Untergang der Insel" hat einen ganz anderen Ton - abgeklärt, fast mystisch.Es ist ein Aufbruch zu den Rändern, weg vom Festland auf die kleine Insel Makkaur, deren Bewohner - allesamt Helden - mit den Elementen kämpfen. >=ivind Hånes umging in Knickerbockern souverän die Diskussion um das passende nachrevolutionäre Beinkleid, außerdem brachte der gelernte Musikpädagoge seine Melodika mit.Seit 1991 hat er vier Romane und einen Band mit Kurzgeschichten vorgelegt.Bei der Vorstellung des vor zwei Jahren auf deutsch erschienenen Romans "Amerikanische Landmaschinen" verstand es Hinrich Schmidt-Henkel, Übersetzer des Buches und Moderator von drei der vier "Zugvögel"-Veranstaltungen, seine eigene Begeisterung für diese Literatur ungeschmälert auf das Publikum zu übertragen.Die unfreiwillige Liebesgeschichte eines Handelsvertreters mit Flugangst, die Hånes erzählt, adaptiert musikalische Elemente und solche des nouveau roman zu einer schwindelerregenden, dabei eigengesetzlichen Ereignisfolge. "Ich bin ein Amerikaner ohne Lächeln": Entwaffnend, pointensicher und mit surrealem Witz zeichnet der Finne Kari Hotakainen das Leben Buster Keatons nach.Was sich als konventionelle Biographie tarnt, ist in Wirklichkeit ein fulminantes Umkreisen des Stummfilmheroen, für den Sprechen Wunden zufügen heißt.Hotakainen führt das Geschäft für Ersatzteile, in dem Keaton sein Geld verdient, als Ort des wahren, da überschaubaren Glücks vor: "Ich mag Tätigkeiten, bei denen man stumm und umständlich sein kann, aber ich will aus meinen Eigenschaften kein Gefängnis machen." Auch für den isländischen Lyriker Sjón - Sigurjón Birgir Sigurjónssons Künstlername bedeutet "sehen" oder auch "Erscheinung" - stellt die Realität die Wahlheimat des Surrealisten dar.Er arbeitet unter anderem als Textdichter für die Popgruppe "The Sugarcubes" der Sängerin Björk.Island lobt er als einen Ort, der zum Glück so von allen modischen Strömungen abgelegen ist, daß er Künstlern völlige Freiheit biete.Sjón trug einige seiner Gedichte in einem isländisch-deutschen Sprechduett mit Schmidt-Henkel vor, wie überhaupt an diesen Abenden die Schönheit der Originalklänge an eine Verständigung im gleichmacherischen Flughafen-Englisch gar nicht erst denken ließ.Heute um 20 Uhr lesen in der "literaturWERKstatt berlin" am Majakowskiring 46/48 Solvej Balle und Niels Frank aus Dänemark.Am 4.12.folgen die Schweden Lars Jakobson und Carl-Johan Vallgren.

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