Zeitung Heute : "Fernsehbildung" für alle

Als Rektor des kanadischen "Collège universitaire de Hearst" kannte Sir John Daniel (55) einst jeden Studierenden persönlich.Mit nur 30 Studenten ist das zweisprachige Collège das weltweit kleinste Hochschulinstitut, umgeben von den dichten Wäldern der kaum besiedelten Provinz Ontario.Heute muß sich Sir John beim Blick durch die Bürofenster mit penibel gestutzten Rasenflächen und Betongebäuden begnügen.

Seit 1990 Rektor der Open University (OU) von Milton Keynes, steht der britisch-kanadische Doppelbürger dafür immerhin an der Spitze der weltweit größten Fernuniversität: Von der Labour-Regierung unter Harold Wilson 1967 als "Fernsehuniversität" in den Midlands zwischen London und Birmingham gegründet, hat die Open University am Rand der Neuen Stadt Milton Keynes heute 200 000 Fernstudierende, ein Zehntel davon lebt im Ausland.Um ihre Betreuung kümmern sich etwa 7500 Tutoren, die überwiegend an anderen Unversitäten angestellt sind.

Während die 1974 zur Entlastung der herkömmlichen Präsenzhochschulen entstandene deutsche FernUniversität Hagen die Hochschulreife verlangt, verstand sich das britische Gegenstück als allgemeinzugängliche "University of the Second Chance".Alle Studienwilligen, die sich unabhängig von Alter und bereits erworbenen Abschlüssen auf "universitätsnahe" Weise weiterqualifizieren wollen, konnten individuell ihre Studieneignung überprüfen lassen.Seitdem der ausgewiesene Fernstudienexperte sein Amt als Vice-Chancellor (Rektor) in Milton Keynes angetreten hat, ist der Anteil der Studierenden, die bereits fest im Berufsleben stehen, auf über 70 Prozent angestiegen.Als Großbritanniens größter Anbieter beruflicher Qualifikationskurse nimmt Milton Keynes mit seiner Business School (OUBS) inzwischen europaweit die Spitzenrolle ein.

Die Studiengebühren, die bisher vorwiegend über staatliche Stipendien beglichen wurden, liegen im Schnitt 25 Prozent unter kontinentaleuropäischen Gebührensätzen.Daß Milton Keynes nicht nur auf dem Gebiet der Forschung weltweit eine führende Rolle zukommt, bestätigte 1997 das Higher Education Funding Council for England (HEFCE): Bei der Bewertung der 77 englischen Universitäten wies das Council der Open University für das Niveau der Lehre einen zehnten Platz zu.Das spricht letztlich für die Qualität der Studienbetreuung: Selbst bei der "industrialisierten Form des Lernens", wie Otto Peters, Gründungsrektor der deutschen FernUniversität Hagen, das Fernstudium einmal nannte, "soll die Tradition des britischen Tutorsystems so gut wie möglich bewahrt werden", bekräftigt Sir John Daniel.Stolz verweist er auf die im Vergleich zu anderen Fernuniversitäten deutlich geringere Abbrecherquote.Im Gegensatz zur fast vollständig staatlich bezuschußten Hagener FernUniversität, zu der es in Deutschland keine Alternative gibt, mußte sich Milton Keynes schon in den achtziger Jahren gegen eine zunehmende Konkurrenz anderer Qualifikationsanbieter behaupten.Da die staatliche Finanzierung während der Thatcher-Ära bis auf 55 Prozent sank, blieb Milton Keynes keine andere Wahl, als sich fehlende Geldmittel außerhalb der Universität zu besorgen.Inzwischen haben 4000 britische Unternehmen, darunter viele klein- und mittelständische Firmen, die Weiterqualifizierung ihres Personals der Open University anvertraut.Audiovisuelles Lehrmaterial für die Kurse entsteht seit einem Vierteljahrhundert im universitären Medienzentrum der BBC.Auf diese Weise produziert die BBC im Auftrag der Hochschule jährlich über 160 Fernseh- und 300 Rundfunkbeiträge.Selbst wenn die Zahl der BBC-Mitarbeiter, wie geplant, von gegenwärtig 90 Beschäftigten um ein Drittel verringert werden soll, bleibt das englische Medienzentrum eine bedeutende Einrichtung, mit deren Kapazitäten sich das Gegenstück in Hagen - dort gibt es gerade sieben Stellen - nicht messen kann.Während ein geringer Teil der Hagener Produktion in zweiwöchigem Rhythmus unter der Bezeichnung "Wissenschaft direkt" vom Westdeutschen Rundfunk abgestrahlt wird, übernimmt die BBC einen beachtlichen Anteil der Universitätsproduktionen mit Bildungscharakter, um sie vornehmlich über BBC 2 einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.Bleibt die FernUniversität laut Bildungauftrag gehalten, mit ihren Bildungssendungen über den WDR zumindest keine Verluste einzufahren, will Milton Keynes damit Geld verdienen.So produziert man auch CD-ROMs und - bei Nachfrage - CD-I (I steht für Interaktiv), die außerhalb der Universität angeboten werden.

Während sich die Hagener FernUniversität mit öffentlichen Subventionen ungestört dem Aufbau der ersten Virtuellen Universität Deutschlands widmen kann, richtet sich die OU pragmatisch und wesentlich kostenbewußter auf Markterfordernisse ein.So überlegt man etwa, wie sich das englische Fernsehen mit Online-Diensten verknüpfen läßt.Weil man sich schon früh nach alternativen Finanzierungsquellen umschauen mußte, beteiligte sich die OU intensiv an transnationalen Projekten der Europäischen Union.

Daß ihr Material in englischer Sprache angeboten wird, hat sich in den vergangenen Jahren als unschlagbarer Trumpf erwiesen.Mittlerweile machen 6000 Fernstudenten in Rußland vom Fernstudienangebot der Briten Gebrauch, etwa die gleiche Zahl an OU-Fernstudierenden registriert Milton Keynes gegenwärtig in ganz Westeuropa.Trotz aller Bemühungen, den Deutschen ein OU-Fernstudium schmackhaft zu machen, fiel das Ergebnis bislang kläglich aus: Im einwohnerstärksten Land Kontinentaleuropas kann Milton Keynes für das laufende Studienjahr gerade 719 Immatrikulierten vorweisen, in der Schweiz sind es 601 Fernstudierende.THOMAS VESER

Informationen zur OU über: The British Council, Hahnenstrasse 5, 50667 Köln, t 0221 / 206 44 0, Fax 0221 / 206 44 55.

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