Zeitung Heute : "Fernsehfee" oder webwasher.com sollen unerwünschte Werbung vertreiben

Horst Peter Wickel

Petra Bauersachs hat inzwischen zu ihrem Optimismus zurückgefunden. Die Vorstandschefin der Koblenzer TC Unterhaltungselektronik AG hat bisher alle Prozesse gegen private TV-Veranstalter schadlos überstanden - nun, so die Jungunternehmerin, ist nach als einem Jahr juristischer Blockade der Weg frei für die "Fernsehfee", ein TV-Zusatzgerät, das nicht nur eine Programmzeitschrift über Datensignale übermittelt, eine Kindersperre gegen Gewaltfilme und ein Suchprogramm für alle laufenden Sendungen bietet, sondern auch Stopp-Impulse bei Werbeblöcken. Rund 30 Fernsehfreaks sind inzwischen bei Petra Bauersachs beschäftigt und verdienen ihr Geld beim TV-Glotzen. Immer wenn die vielen Zuschauern inzwischen lästigen Spots für Kaffee, Waschpulver, Bier oder Autos einsetzen, drücken die Werbeblocker auf die Umschalttaste und ein werbefreier Ausweichkanal wird automatisch angesteuert. Neben den Gerätekosten von knapp 300 DM müssen Interessenten für diese Dienstleistung 48 DM im Jahr bezahlen.

Ähnliches leistet die webwasher.com AG aus Paderborn. Mit drei Mitarbeitern als ausgegründetes Unternehmen der Siemens AG gestartet sind heute zwölf Angestellte dabei, rasch sollen es mehr werden. Mit webwasher, einem bereits von mehr als zwei Millionen PC-Nutzern installierten Programm, werden die Internetseiten von Werbung gereinigt, entweder total oder mit abgestuften Vorgaben. So können Interessenten Werbebanner für bestimmte Produkte und Dienstleistungen weiterhin unbeschadet erscheinen lassen, während die restliche Werbung vom Schirm gewaschen wird. Die Geldgeber des webwasher, Siemens und die Metro AG, verbinden große Hoffnungen mit ihrem Engagement bei dem jungen Unternehmen, das für einen zielgerichteten Werbeeinsatz kämpfen soll.

Über "Fernsehfee" und webwasher kann Volker Nickel vom Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) gar nicht lachen. "Solche Entwicklungen können uns nicht kalt lassen und gleichgültig sein, sie können hochgefährlich sein, wenn dadurch die Werbeaktivitäten zurückgeführt werden. Das private Fernsehen wäre in seiner Existenz gefährdet, viele Online-Dienste würden abschalten, wenn die Werbefinanzierung wegfällt."

Entwicklungen wie "Fernsehfee" und webwasher machen deutlich, dass sich die Werbewirtschaft mit ihrem dauernden Drang zur Penetration derzeit auf einem schmalen Grat bewegt. Zwar stimmt bei zahlreichen Umfragen die große Mehrzahl der Konsumenten immer noch der Meinung zu, Werbung sei wichtig, um sich über Produkte und Dienstleistungen zu informieren, doch werden die Unterbrechungen des unterhaltenden Fernsehprogramms oder die Überlastung von Internetseiten mit Werbebotschaften als Störung empfunden. Während noch vor einigen Jahren, so heisst es beim Deutschen Direktmarketing-Verband, Anrufe verkaufsstarker Telefonverkäufer im Mittelpunkt der Kritik standen, stapeln sich heute beim Verband eher die Beschwerden von genervten PC-Nutzern über unverlangte Werbe-E-mails und sogar von Handy-Besitzern, die plumpe Werbebotschaften als SMS-Botschaft auf ihrem Display empfangen. Schon seit Jahren hilft der Verband allen Verbrauchern, die sich über die Werbeflut in ihren Briefkästen ärgern. Wer sich an die Frankfurter Direktmarketing-Wächter wendet, bekommt kostenlose Aufkleber für seinen Briefkasten ("Keine Werbung") oder kann sich in die "Robinson-Liste" eintragen lassen, die Direktversendern vorschreibt, diese Adressen aus ihrem Bestand zu streichen.

Wenn die Konsumenten schon nicht vor der Dauerberieselung mit werblichen Botschaften geschützt werden können, dann, so der Ansatz des Münchner Jungunternehmers Alexander Gaigl, solle er wenigstens an den milliardenschweren Werbeausgaben von Industrie, Handel und Dienstleistern beteiligt werden. Er möchte deshalb alle Nutzer von www.FairAd.de an den Werbeeinnahmen seines Unternehmens beteiligen. Wer die Werbebanner eine Minute lang über seinen PC-Schirm flimmern lässt, soll 1,8 Pfennig gutgeschrieben bekommen und sich das Geld überweisen lassen können, wenn er 20 DM zusammengesurft hat. Bisher hält sich die Werbewirtschaft zurück.

Gaigl und Bauersachs jedenfalls sind von ihren Ideen überzeugt. Um ihren Produkten zum Erfolg zu verhelfen, müssen sie noch kräftig werben. Fragt sich nur, wo.

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