Zeitung Heute : Fernstenliebe

BERND GUGGENBERGER

VON BERND GUGGENBERGERZum Sozialen gehört Nähe.Es ist ein groteskes Mißverständnis, wenn uns die Ferntechnologien immer wieder mit dem Hinweis auf ihr inhärentes Sozialkapital schmackhaft gemacht werden.Das Internet hat uns zu vielen guten Freundschaften in aller Welt verholfen.Die E-Mail ersetzt in vielen Fällen bereits die herkömmliche Post, denn sie ist schneller und billiger.Und vor allem die Jüngeren nutzen aktiv die Segnungen des "Chattens", ob nun bei den Online-Diensten oder direkt im Internet.Wer anonym bleiben will, findet hier niemanden, der ihn daran zu hindern versuchen würde.Wenn nun aber das Attraktivste an dieser Art "Freundschaften" gerade ihre pflegeleichte Unerbittlichkeit wäre? Manches spricht dafür, daß nicht originäre Geselligkeit und soziales Nähebedürfnis viele ins Netz schweifen läßt, sondern das Gegenteil - der Überdruß am wirklich Anderen, die Angst vor seiner körperlichen Präsenz und ihrer nötigenden Unausweichlichkeit.In einer Vielzahl von Situationen und während vieler Stunden des Tages ziehen wir das Abstrakte, das Fernste und Unnahbarste dem Anwesenden, Lebendigen und Realen vor.Wir weichen allem aus, was uns unmittelbar ergreifen, uns festhalten und nicht mehr loslassen könnte: dem realen Nächsten, den Wesen aus Fleisch und Blut, der unerbittlichen Situation.Fast scheint es, als mache erst die Distanz eine Person wieder interessant für uns.Wer das Pech hat, Tür an Tür mit uns zu leben, für den reicht oft die knappe Ressource Aufmerksamkeit nicht mehr.Wer sich nicht telefonisch anmeldet, hat schon jetzt kaum eine Chance für einen "Termin".Der Nächste verschwindet zugunsten des abwesenden Fernsten. Das - brüchiger werdende - Band des Sozialen aber ist aus lauter Nächsten gefügt, Sie, nicht die virtuellen Fernstweltwesen, verbürgen seinen Zusammenhalt.Das Soziale zerfällt, wenn der Kontakt mit der physisch wahrnehmbaren Welt abreißt.Die neuen Formen der Fernverbindung markieren den Anfang vom Ende der Berührbarkeit, die an der Wiege alles Sozialen steht. Der Autor ist Privatdozent am Fachbereich Politik der Freien Universität Berlin.

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