Zeitung Heute : Fest der Besinnung

GERD APPENZELLER

Die Überflußgesellschaft besinnt sich regelmäßig zur Weihnachtszeit ihrer sozialen Verpflichtungen / Wohlfahrt als Privatinitiative VON GERD APPENZELLER

Dieses Land kennt nicht mehr viele Tabus.Gedanklich alles zur Disposition zu stellen, ist nachgerade zum Ausweis besonderer Lebenstüchtigkeit geworden.Ein Beispiel: Als die Debatte darüber losbrach, wie man die Unternehmen von den Kosten entlasten könne, die durch die Einführung der Pflegeversicherung auf sie zukommen würden, strich man kurzerhand einen kirchlichen Feiertag.Ein Verzicht auf einen Urlaubstag wäre bei gutem Willen auch möglich gewesen.Aber dagegen standen, so wurden wir belehrt, Tarifverträge.Und die gelten in Deutschland inzwischen mehr als religiöse Traditionen.Nur an die Weihnachtstage, an die wagten sich in der Diskussion selbst die von religiösen Traditionen völlig Unbelasteten nicht.Auch in einer weitgehend entchristlichten Gesellschaft bleibt das Fest der Geburt des Gottessohnes offensichtlich ein Fixpunkt des Innehaltens und Nachdenkens über den Kreis jener Menschen hinaus, die an das glauben, was das Neue Testament uns dazu überliefert.Vielleicht auch führt die Rastlosigkeit und weitgehende Unreflektiertheit unseres Lebens an einen Punkt der Ermüdung, an dem so etwas wie Weihnachten von existentieller Bedeutung ist. -Gerade in einer Stadt, die durch das metropolen-typische Nebeneinander von Luxus und Elend geprägt ist, kann eine solche Besinnungspause Gutes bewirken.In einem Gemeinwesen, dem zunehmend die Mittel für helfende Dienste fehlen, wäre das in vielerlei Beziehung segensreich.Wir haben uns über Jahrzehnte daran gewöhnt, ja wurden geradezu in dieser Erwartung ermuntert, die praktizierte Mitmenschlichkeit dem Sozialstaat überantworten zu können.Dieses anonyme Wesen ist nach allgemeinem Verständnis für die Behebung aller aus materieller und psychischer Not erwachsenden Probleme zuständig.Das entlastet das Individuum von möglichen Schuldgefühlen und befreit nach landläufiger Vorstellung auch den Empfänger der Wohltat aus der Rolle des Bittstellers.Aber dieses System, so wichtig es ist, funktioniert nicht mehr. Das Nachdenken über unsere - der eher Wohlhabenden - Beziehung zu den Benachteiligten der Gesellschaft könnte uns im positiven Sinne zurückwerfen auf den Menschen des Mittelalters.Für den war karitatives Verhalten, Spenden aus dem Überfluß, nicht nur Christen-, sondern ganz allgemein Pflicht des Vermögenden gegenüber dem Bedürftigen.Laizistische Hilfsorganisationen des 19.und 20.Jahrhunderts haben sich in dieser Tradition gesehen.Große und kleine Unternehmen greifen inzwischen den Gedanken auf und leisten Unterstützung.Vieles davon war in Vergessenheit geraten.Nur zu Weihnachten, dem ganz besonderen Fest, haben wir uns immer daran erinnert und für die großen Hilfswerke ganz beträchtliche Summe zusammengetragen.Die Besinnungspause, die mit dem 24.Dezember beginnt, ist wie geschaffen, darüber nachzudenken, ob aus der temporären Bereitschaft zum angewandten Bürgersinn nicht eine dauerhafte Unterstützung vieler der Einrichtungen werden sollte, ohne die eine auf Solidarität angewiesene Gemeinschaft nicht auskommen kann: Die Suppenküchen und Notunterkünfte, die Jugendprojekte und die Altenfürsorge, die Aidshilfe und die Sammlungen für Kinderkrebsstationen - die Liste kann jeder ergänzen, der sich in unserer Stadt umschaut. Erstaunlicherweise sind solche Appelle an den Gemeinschaftssinn nicht in Zeiten des überbordenden Wohlstandes besonders erfolgreich, sondern eher dann, wenn die Ressourcen knapp werden, wie die Erfahrung ja überhaupt lehrt, daß die Menschen vor allem in Zeiten der Not zusammenrücken.Das ist zwar keine ausschließlich christliche, aber dennoch eine tröstliche und schöne Weihnachtsbotschaft.

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