Zeitung Heute : Fest dran glauben

Aus Religionsfragen wird im Streit mit dem Westen schnell Politik – der Islam ist kaum schuld daran

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Die Absetzung einer MozartOper in Berlin aus Angst vor islamistischen Attacken sorgt für Kritik. Am Mittwoch tagt erstmals die Deutsche Islamkonferenz. Warum reagieren viele muslimische Gläubige so empfindlich auf Kritik am Islam?

Die Menschen in der arabisch-muslimischen Welt reagieren in diesen Tagen offensichtlich extrem empfindlich auf Kritik von außen. Viele Beobachter stellen dies in einen Zusammenhang mit einem verbreiteten Gefühl von Minderwertigkeit, das im Verhältnis zum Westen herrsche. Der Westen ist wirtschaftlich, politisch, militärisch stärker. Und die arabische Welt ist dabei, den Anschluss an die Globalisierung zu verlieren. Der Druck aus dem Westen, sich zu reformieren und zu verändern, ist enorm. Außerdem wird dir westliche Politik in der Region von vielen Menschen als „Neokolonialismus“ empfunden. Aus dieser Defensivhaltung heraus reagieren sie sehr empfindlich auf jede wirkliche oder vermeintliche Bevormundung.

Nach Ansicht des ägyptischen Kolumnisten Salamah Ahmed Salamah sind die arabischen Gesellschaften bereits sehr stark vom Westen, seinen Moden, Konsumgütern und Ideen beeinflusst und abhängig. Daher fühlten die Menschen ihre Identität und ihr Wertesystem „bedroht“. Eine Reaktion darauf sei die Flucht in die Religion, meint der liberale Intellektuelle, der in Deutschland studiert hat. Wenn der Westen dann auch noch diese Bastion der eigenen Identität angreife, reagierten die Menschen so empfindlich.

Auch der ägyptische Theaterautor Ali Salem ist der Ansicht, dass die arabische Welt „in dieser Phase extrem sensibel reagiert auf Kritik von außen“. Insbesondere reagiere man auf Kritik am Islam. „Die Menschen haben keine Identität als Bürger, sondern als Gläubige“, lautet seine Erklärung. Die autoritären Regime, der Mangel an Demokratie und die fehlende Trennung zwischen Staat und Religion trügen dazu bei, dass sich die meisten Menschen in erster Linie als Muslime und nicht als Bürger eines Staates definierten. Dem Westen wirft er vor, „ungeschickt“ vorzugehen: „Kritisiert unser Verhalten, aber nicht unsere Religion“, meint er.

Unter europäischen Muslimen wird diese Kritik an der Religion inzwischen anscheinend großzügiger gesehen. Auf die implizite Islamkritik des Papstes in seiner Regensburger Rede reagierten ihre inzwischen öffentlich bekanntesten Vertreter zwar nicht unempfindlich, aber doch besonnen. Ali Kizilkaya, der Vorsitzende des Islamrats, nannte die Aussagen des Papstes zur angeblichen Gewaltbereitschaft des Islam und zu seinem Verhältnis zur Vernunft zwar „irritierend und höchst bedauerlich“, lobte aber ausdrücklich dessen frühere Einladungen zum Dialog. Sein Kollege vom Zentralrat der Muslime, Aiman Mazyek, verlegte sich sogar auf leise Ironie: „Da auch die Geschichte des Christentums blutig war – man denke nur an die Kreuzzüge oder die Zwangsbekehrungen von Juden und Muslimen in Spanien – fällt es mir schwer zu glauben, dass der Papst gerade im Verhältnis zur Gewalt die Grenze zwischen Christentum und Islam sieht“, sagte er.

Die Frage nach einer besonderen Empfindlichkeit von Muslimen in Glaubensfragen beantwortet die Heidelberger Professorin Susanne Enderwitz mit einem entschiedenen „Jein“. „Aus dem Islam selbst lässt sie sich nicht ableiten“, sagt die Islamwissenschaftlerin. Es gebe aber in der muslimischen Welt seit dem Mittelalter eine „traditionelle Spannung zwischen religiöser Gelehrsamkeit und Herrschaft“. Während es im Christentum feste Strukturen und Hierarchien gebe, die der weltlichen Macht gegenüber- und entgegentreten und die Interessen der Gläubigen vertreten könnten, fehle das im Islam. Das führe dazu, dass es ein strukturell höheres Protestpotenzial unter den Gläubigen gebe, das sich ohne Vermittlung durch Autoritäten äußern könne. Die Reaktionen auf die Rede des Papstes allerdings hält Enderwitz in erster Linie für das Werk von „Demagogen, die die Leute scharfmachen“.

Dagegen scheinen die deutschen Muslime immun zu sein. Das Essener Zentrum für Türkeistudien, das seit 1999 einmal pro Jahr die türkischstämmigen Migranten in Nordrhein-Westfalen auch zu religiösen Einstellungen befragt, entdeckt zwar seit 2002 eine deutlich wachsende Religiosität. Das schließe aber in der zweiten und dritten Generation liberale Orientierungen nicht aus. Das Fazit der Forscher liest sich wie eine Ermutigung an die heute beginnende Islamkonferenz: „Eine aktive Förderung eines europäischen, pluralistischen Islam“ würde „auf fruchtbaren Boden fallen“.

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