Zeitung Heute : Fest geschnürt ist halb verführt
28.04.2008 00:00 UhrIm schmalen Gang zwischen den zwei Ladentheken drängen sich zehn Frauen und warten darauf, dass ihnen jemand Brust oder Hüften vermisst. Manche plaudern miteinander, witzeln, tratschen. Die Jüngste mag gerade zwanzig, die Älteste über sechzig sein. Andere lassen die Blicke schweifen – über die ringsum aufgetürmten Pappschachteln, aus denen Plastiktüten und BH-Träger quellen; über Morgenröcke aus lila Flanell, Tiger-Hemdchen und fleischfarbene Torseletts mit Strumpfhaltern.
Eine hochgewachsene Blondine, die im kalten Neonlicht blass aussieht, ist an der Reihe. Sie flüstert: „Ich hab gehört, sie haben diese französischen Höschen …“ Ursel Rieck grient unter dem toupierten, goldblondenen Lockenberg, „na klar, soll's hell oder dunkel sein?“ – „Lieber eine dunkle Farbe, aber bitte keine Spitze, die krabbelt immer so.
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Ursula Rieck stellt sich auf die Zehenspitzen und angelt zwischen Kartons, mit der Aufschrift „Push-Up D dunkel“ und „Breite Strapse S-XL“ nach einer unbeschrifteten Kiste. Weil ihr der Saum des knöchellangen graublauen Baumwollkleids dabei ein Stück nach oben rutscht, sieht man, dass sie an jedem Fuß ein anderes Schuhmodell trägt: Rechts einen flachen Halbschuh, links ein elegantes Modell, das am Rist geschnürt ist und einen kleinen Absatz hat „Seit meiner Hüft-OP vor zwei Jahren hab ick unterschiedlich lange Beene“, sagt sie in feinster Mundart, schätzt den Po-Umfang der Blondine und zieht ein paar Höschen in Größe 40 heraus. „Janz schön scharf, wa?“, schäkert sie und präsentiert ihre berühmten Schlüpfer mit Schnitt im Schritt. Die Kundin entscheidet sich binnen Sekunden für ein schwarzes Fabrikat aus weicher Baumwolle. Anprobieren? – „Ach iwo, nicht nötig“, sagt die Blondine, zahlt und geht.
Was es sonst nur in Geschäften vom Schlag Beate Uhses gibt, ist bei Korsett Engelke schon seit Jahrzehnten ein Verkaufsschlager. Ursel Rieck war selbst noch ein Teenager, als eine rundliche Dame in den kleinen Miederwaren kam, der damals noch ihrem Vater Karl Engelke gehörte. Ihr Mann war als Soldat in Paris, sagte die Frau, und würde seine Gattin gern im französischen Höschen sehen. „So eines, das im Schritt offen steht“. Kaufmann Karl Engelke hatte bis dahin nichts mit erotischer Wäsche zu tun und rätselte mit Tochter Ursel, ob der Schnitt wohl längs oder quer gehöre. „Da ham wir's jemacht wie's die Natur vorgibt, also längs“, erinnert sich Rieck.
Kein Wunder, dass die fast 70-Jährige in Wäschefragen nichts Verpöntes kennt – und genau weiß, wo der Busen hingehört, nämlich „jenau inne Mitte zwischen Schulter und Taille“. Schon in den dreißiger Jahren verkaufte die Familie auf den Berliner Märkten Büstenhalter und Korsetts, bis Karl Engelke 1947 in Berlin-Neukölln sein erstes Geschäft eröffnete. Die weibliche Kundschaft liebte den Wäscheverkäufer, weil er nach altem Schlag so richtig charmant sein konnte. „Heute sind die Frauen viel prüder als früher“, erklärt Rieck. „Die würden sich wahrscheinlich nicht mehr so einfach von einem Mann den Busen vermessen lassen.“
Die kleine Ursel selbst hatte mit der Näherei eigentlich nichts am Hut, „und bei meiner fünf in Handarbeit hätt' ja keener jegloobt, dass ick mal den Beruf ergreifen würde“. Doch als junge Frau machte sie ihren Meister als Korsettiere in einer Miederfabrik und lernte als Praktikantin in England wie die Briten ihre Korsagen tragen. Sie kam zurück, arbeitete wieder beim Vater und übernahm 1974 den Betrieb, der zu der Zeit schon vier Läden umfasste.
Damals fertigte sie Korsagen und Nachthemden noch von Hand. „Heute machen das nur noch Firmen in Westdeutschland.“ Lediglich kleine Änderungen, gibt es bei Korsett Engelke noch aus Kulanz. „Könnten Se da mal schnell zwei Abnäher machen?“, bittet Ursel Rieck dann ihre Mitarbeiterin Frau Werneke, 75. Nach 34 Jahren pflegen die Damen noch immer das Sie. Während ihre Mitarbeiterin mal wieder im Kabuff hinter dem Ladenlokal an der eisernen Nähmaschine sitzt, fragt eine Brünette nach einem champagnerfarbenen Büstenhalter in 75 D. Rieck zieht die Nase kraus und wickelt ihr ein Maßband um den Brustkorb. „Ick mess hier 92 unterm Busen, dit könnse nich inne 75 reinquetschen. Sie brauchen mindestens ne 85 F.“ Die wartenden Frauen schauen mitleidig zu, doch in solchen Fragen duldet die Routinierin keine Widerworte. Wer nicht hören will, zieht auch mal ohne neues Brustkleid von dannen.
Das war schon immer so und das Geschäft lief gut. Auch als in den siebziger Jahren Büstenhalter verpönt und baumelnde Brüste modern waren, blieb die Stammkundschaft. „Das ham doch nur die Twiggys jemacht, wer was auf sich hielt, der trug schon immer BH.“ In den Achtzigern kamen die ersten Transvestiten. Doch die Zeiten änderten sich und die inzwischen fünf Filialen wurden zum Sicherheitsrisiko: 17 Mal wurden Engelke-Geschäfte ausgeraubt. Heute gibt es nur noch den kleinen Laden auf der Charlottenburger Kantstraße.
Und was hat sich noch gewandelt? – Ursula Rieck meint, die Brüste der Frauen würden immer größer und schwerer. Und Tochter Antje Fröhlich, 47, die als dritte Generation in den Familienbetrieb eingestiegen ist, sagt: „Das liegt am fetten Essen und an den Hormonen im Wasser.“ Während das Ladeninterieur seit Jahrzehnten gleich geblieben ist, haben die Geschäftsfrauen das Sortiment dem Markt angepasst: Bei Korsett Engelke gibt es für jedes Brustvolumen von A bis K und jeden Unterumfang von 60 bis 130 cm die passende Verpackung.
Von den Mieder-Königinnen können beide Geschlechter noch eine Menge über Unterwäsche lernen. Zum Beispiel, dass der Schlüpfer über die Torselett-Strapse gehört und nicht drunter, wie man es auf Fotos und im Film sieht. Oder: „Wo fest is', setzt sich auch nix ab“, sagt Ursel Rieck, eine der letzten Meister-Korsettierinnen, und meint: Je fester die Taille geschnürt ist, desto eher bleibt sie schlank. „Fett kann man nämlich verschieben, dit rutscht denn einfach nach oben.“
Ein stilbewusster Kunde, der mit seiner Freundin in den Laden gekommen ist, muss sich von Antje Fröhlich erstmal den Unterschied zwischen einer Korsage und einem Korsett erklären lassen: Erstere ist ein Mittelding zwischen BH und Unterhemd, hebt den Busen und strafft den Bauch nur ein wenig. Das Korsett aber ist ein richtiger Hüfthalter, der Rückenschäden ausgleicht. Während er der Fachfrau sein Träume ausmalt, probiert die Freundin ein altrosa Schnürmieder. Er ist begeistert und streicht ihr über die stramm gezurrten Formen. Dann wandern knapp vierhundert Euro per EC-Karte über die Theke.
Mutter und Tochter können sich nicht vorstellen, etwas anderes zu machen, als gemeinsam Wäsche zu verkaufen. Nur einmal, vor drei Jahren, glaubten sie nicht mehr daran, dass sich alles zum Guten wenden würde: Damals geraten Antje Fröhlich und ihr Ehemann mit dem Auto auf vereister Straße ins Schleudern. Als sie davon erzählt, steigen der fidelen Geschäftsfrau Tränen in die Augen. Sie überlebt, die Liebe ihres Lebens wachte nicht mehr aus dem Koma auf. Über diesen Schicksalsschlag hätte Ursel Rieck beinahe vergessen, sich ihre Rente auszahlen zu lassen. Erst als ein Brief von der Behörde kommt, erinnert sie sich, dass sie sich längst den Ruhestand verdient hat. Doch Ursel Rieck will von Pension nichts wissen. „Ick brauch' den Wirbel, dit hält mich klar im Kopp.“








