Zeitung Heute : Feste und Regeln

Die Menschen zeigen stolz ihre blauen Finger. Und ein US-Soldat sieht ihnen beim Tanzen zu – der Wahltag im Nordirak

Erwin Decker[Kirkuk]

Auf dem Dach des Hauses sitzen vier Scharfschützen. Ihre Gesichter sind versteckt hinter schwarzen Sturmhauben. Es ist die Schartado-Grundschule in Kirkuk, eines von 23 Wahllokalen der Stadt.

In der engen Gasse davor stehen die Menschen Schlange. Links die Männer, rechts die Frauen, in der Mitte eine Rinne, die offene Kanalisation. Es gibt eine Absperrung vor der Schule. Hier wird jeder Wähler hinter einen Holzverschlag geholt und gründlich kontrolliert, auf Waffen und Sprengstoffgürtel. Bei den Frauen machen das Polizistinnen. Jeder Wähler muss zwei Lichtbildausweise vorlegen, und es wird geprüft, ob er registriert ist. Das ist Wählen im Irak.

Männer und Frauen haben auch getrennte Eingänge in das Wahllokal. Drinnen bekommen sie Hilfe von den Lehrern der Schule. Die riesigen Din-A2-Bögen mit den Listen und Kandidaten werden ihnen ausgehändigt. Viele studieren erst einmal alle Namen. Es sind 111 Parteien, Wahlbündnisse und Einzelkandidaten, insgesamt 7700 Menschen bewerben sich um einen Sitz im Übergangsparlament. Es ist nicht leicht, das alles zu verstehen, ganz besonders dann, wenn man es noch nie gemacht hat.

Baban Mohammed, 31 Jahre alt, ist der Mann mit der wohl längsten Anreise hier. Aus Chemnitz kommt er, die fast 7000 Kilometer in den Nordirak ist er mit dem Auto gefahren. Baban Mohammed hätte auch in Deutschland wählen können, aber er wollte es in seiner Heimatstadt tun. Seine Frau und seine ein Jahr alte Tochter Diar leben in Kirkuk. Er schickt ihnen immer Geld aus Deutschland, und nun hat er vier Wochen Urlaub genommen. „Ich habe einen Opel Omega mitgebracht, den habe ich hier verkauft“, sagt Mohammed. „Von dem Gewinn kann ich mir ein Rückfahrticket kaufen.“

Er lebt seit acht Jahren in Deutschland und arbeitet als Eisenbieger auf dem Bau. „Ich hatte heute richtig Herzklopfen, als ich vor dem Wahllokal stand“, sagt er. „Es war ein schönes Gefühl, es waren viele Leute da, meine Frau und ich mussten zwei Stunden lang warten.“ Da konnten sie viel mit den anderen reden. Die Stimmung sei wie auf einem Volksfest in Deutschland gewesen. Die Leute hätten viel gelacht.

Seine Tochter nahm er auf dem Arm mit an die Wahlurne. „Sie bekommt zwar nicht mit, was ich mache, aber ich werde es ihr später erzählen“, sagt er, – „dass sie bei den ersten freien Wahlen im Irak dabei war.“ Wenn es so weiter geht, dann, so sagt Baban Mohammed, kann er sich vorstellen, bald nach Kirkuk zurückzukommen und hier zu leben.

Die Sicherheitsvorkehrungen für die Wahl in Kirkuk sind gigantisch: Seit Tagen gilt eine Ausgangssperre, ab acht Uhr abends darf niemand mehr auf die Straße. Die ganze Nacht vor dem Wahlsonntag flogen US-amerikanische Kampfjets über der Stadt. Eine Drohne, ein unbemanntes Flugzeug, drehte ebenfalls rund um die Uhr seine Schleifen in niedriger Höhe. Seine gestochen scharfen Infrarotbilder wurden in der Nacht in die Leitstelle am Flugplatz übertragen. Man hofft, so zu jeder Tages- und Nachtzeit Terroristen finden zu können.

Am Sonntag morgens um sieben Uhr öffnen die Wahllokale. Es herrscht den ganzen Tag über totales Autofahrverbot. Kirkuk scheint wie ausgestorben.

Viele Leute im Land sagen, dass die Stadt mit den reichen Ölvorkommen ein Miniatur-Irak ist. Es gibt alle Volksgruppen und Religionen hier. Araber, Kurden, Turkmenen, Christen und einige Schiiten. Und das bringt in einem Land wie dem Irak, in dem die Toleranz den meisten fremd ist, auch große Probleme. Besonders bei den Turkmenen und den Kurden baut sich seit dem Kriegsende eine Spannung auf. Je nachdem wie das Wahlergebnis aussieht, wird noch viel Streit oder sogar Gewalt erwartet. In der Nacht zum Sonntag flog eine Granate auf das Gelände der turkmenischen Partei. Sandsäcke lagen vor den Fenstern, sie verhinderten, dass jemand dabei verletzt wurde.

Die Turkmenen werden von der Türkei unterstützt, und die behauptet, Kirkuk ist wegen seiner Geschichte eine türkische Stadt. Die Feindschaft zwischen den Kurden und den Arabern dagegen hat schon Tradition, Saddam Hussein hat die Kurden einst vertrieben und die Araber angesiedelt. Jetzt wollen die Kurden ihr Land wieder zurück, die Regierung in Bagdad hat dem schon zugestimmt. Das ist Zündstoff in Kirkuk.

Um fünf nach sieben vor der Grundschule Rabia Adawia. Sie liegt in einer Seitenstraße, in einem Stadtteil, in dem vorwiegend Turkmenen leben. Die Straße ist am Eingang mit Stacheldraht abgesperrt. Auf dem Flachdach stehen auch wieder Männer mit Gewehren, auch hier gibt es Körperkontrollen. Die Wähler müssen dann noch ihre Mobiltelefone abgeben. Sie bekommen eine Quittung dafür. Mit einem Telefon können Bomben gezündet werden. Farbige Bänder führen zu den einzelnen Klassenzimmern, den Wahlräumen. Alles ist sehr gut organisiert und beschriftet. „Die Wahlkommission hat unter den widrigen Bedingungen im Irak wirklich sehr gute Arbeit geleistet“, stellt der Schulleiter Mofag Mohammed fest.

Seit sechs Uhr wartet die 92-jährige Fatma Jussuf vor der Schule. Sie hat noch nie in ihrem Leben gewählt. Ihre Tochter ist bei ihr und hilft beim Gehen und beim Lesen der Stimmzettel. Fatma Jussuf bekommt im Wahllokal einen Stuhl, weil sie es ohne Pause nicht schafft bis zur Urne. Nachdem auch der Wahlleiter ihr hilft und das Verfahren viermal erklärt und alle Parteien vorgelesen wurden, geht sie mit der Tochter hinter eine Pappwand, um die Kreuze auf dem riesigen Wahlzettel zu machen. In Kurdistan wird außer der Bagdader Nationalversammlung auch die Regionalregierung gewählt. Als Fatma Jussuf hinter dem Sichtschutz wieder hervorkommt, hat sie ein Lächeln auf ihrem faltigen Gesicht. Jetzt knickt sie das große Papier und lässt es von einer Lehrerin auf der Seite abstempeln. Sie geht die drei Meter zur Plastikurne. Bevor sie den geschlossenen Umschlag in den Schlitz fallen lässt, geht ihr Blick über die Runde der Leute im Raum. Ihr kleiner Körper lässt sie kaum über den Plastikbehälter sehen. Sie sagt zum Wahlleiter und ihrer Tochter, die neben ihr stehen: „Darauf habe ich lange warten müssen.“ Der Umschlag fällt zu den anderen in die Box.

Fatma Jussuf muss jetzt noch ihren rechten Zeigefinger in einen kleinen Topf stecken. Er wird mit einer drei Wochen lang nicht abwaschbaren Farbe blau gefärbt. Es soll ein sicheres Zeichen dafür sein, dass sie gewählt hat und es anderswo nicht noch ein zweites Mal tut.

Auf der Straße nach Bagdad stehen US- Soldaten neben ihren Geländewagen. Sie sind hier, weil es eine Explosion gegeben hat, sie sichern das Terrain. Wo genau es geknallt hat, lässt sich nicht nachvollziehen. Außer den Soldaten ist niemand mehr da. Dann plötzlich stehen drei Apache-Hubschrauber in der Luft über dem Fahrweg. Noch eine Viertelstunde vergeht, dann lässt Sergeant O’Sullivan seine Leute wieder aufsitzen und weiter Patrouille fahren. „Wir haben heute alles im Einsatz, was die Army hat“, sagt er. „Und wenn der Tag zu Ende ist, bin ich um drei Jahre gealtert.“

Auch die Innenstadt von Kirkuk ist leer. Nur wenige Menschen sind zu Fuß unterwegs. Außer den Wahllokalen ist nichts geöffnet. Kein Geschäft, kein Hotel und kein Restaurant. Man sieht jetzt den Schmutz und den Unrat auf den Straßen, wie man ihn sonst nie sieht. Es gibt keinen Obststand, keine fliegenden Händler und keine Autoschlangen, die sonst den Dreck verdecken. Der Wind treibt leere Kartons durch die Stadt. Die Menschen, denen man begegnet, zeigen alle voller Stolz ihre blauen Zeigefinger. Sie sind stolz auf ihre blauen Finger. Und der Dreck in den Straßen interessiert in dem Moment keinen.

Viel ausgelassener geht es ihm Osten von Kirkuk, im Kurdenviertel Iskan, zu. Vor einem Geschäft kommt laute kurdische Volksmusik aus einem Kassettenrekorder. Es wird im Kreis getanzt. Die Frauen haben ihre besten Kleider angezogen, den goldenen Familienschmuck haben sie sich um die Hälse gehängt. Ihre Lippen sind geschminkt. So geht man normalerweise nur zu großen Festen wie einer Hochzeit oder dem Nationalfeiertag. „Heute bekommen wir es schriftlich, die Kurden werden nie wieder unterdrückt. Wir wählen unsere eigenen Vertreter nach Bagdad. Das ist wirklich ein Tag zum feiern für uns“, sagt einer der Männer in der Gruppe. Er singt, während er tanzt.

Als Sergeant O’Sullivans Truppe mit ihren vier Geländewagen vorbeifährt, winken und jubeln ihm die Kurden zu. Die Autos halten an. Weil O’Sullivan zum ersten Mal seit Wochen das Gefühl hat, dass ihm keiner von den Menschen, die im Irak vor ihm stehen, nach dem Leben trachtet. Die Kurden sind die Einzigen, die den Amerikanern immer noch dankbar sind dafür, dass sie von Saddam befreit wurden. „Hello Mister, come and dance with us“, ruft ein Jugendlicher. O’Sullivan zögert. Nach fünf Minuten Zuschauen lässt er weiterfahren.

Warum sind Sie nicht dageblieben, Sergeant O’Sullivan? „Ja, das Weiterfahren fiel mir schwer“, sagt er, „es war so schön. Meine Jungs wollten auch nicht weiter. Aber die Gesamtlage lässt es noch nicht zu. Schade, aber vielleicht erlebe ich es einmal. Auch wenn es nur in Kurdistan ist.“ Er weiß, dass der relativ ruhige Verlauf der Wahl in Kirkuk nur eine Atempause gewesen ist. „Die Extremisten wussten, dass sie es heute schwer haben würden, einen Anschlag zu machen. Darum glaube ich, können die Tage nach der Wahl noch viele Probleme bringen“, sagt er.

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