Zeitung Heute : Festival der Farben und Düfte

In der irischen Grafschaft Wicklow nahe Dublin laden private Gärten zum Besuch ein

Dirk Wegner

Shawn Heffernan ist von der Schöpfung fasziniert. Er ist Gärtner mit Leib und Seele und möchte nichts anderes sein. In Gummistiefeln stapft er über den Rasen seines acht Hektar großen Arbeitsplatzes: des Mount Usher Garden in der irischen Grafschaft Wicklow. Bei reichlich Regen, überdurchschnittlich viel Sonnenschein, fruchtbarer Erde und milden Wintern gedeihen unter seinen Händen exotische und heimische Pflanzen gleichermaßen prachtvoll. Im Frühling beginnt das Blütenmeer mit einer Flut aus Märzenbechern, Blausternen, Kaiserkronen, Hundszähnen, Schachblumen, Anemonen und Narzissen. Anschließend mischen sich den ganzen Sommer über Farben und Düfte von Azaleen, Magnolien und Rhododendren, bis sich im Herbst die Blätter seltener Gehölze in Gold und flammendes Rot verwandeln. „Das besondere Mikroklima hier im Tal des Vartry River macht die Vielfalt der 5000 Arten möglich“, sagt Sean, der mit rein organischer Pflege die Balance der Natur aufrechterhält.

Im nahe gelegenen Gasthof Hunter’s Hotel fing alles an. Wer den Garten von Mount Usher in Ruhe studieren möchte, sollte in dieser historischen Herberge sein Quartier aufschlagen. Seit 120 Jahren ist diese ehemalige Postkutschenstation aus dem frühen 18. Jahrhundert praktisch unverändert. Hier stieg vor eineinhalb Jahrhunderten der Dubliner Geschäftsmann Edward Walpole ab, wenn er in den Wicklower Bergen spazieren gehen wollte. Dabei entdeckte er Mount Usher, kaufte 1868 die Kornmühle am Fluss und begann mit der Gestaltung des Gartens.

„Ich mag besonders den frühen Morgen“, sagt Sean, „wenn zwischen unseren Pflanzen die Tierwelt erwacht“. Dass es beim Ausbalancieren der Natur noch einiges zu tun gibt, zeigt sein Blick auf eine weibliche Kiwipflanze, die an einem Baum emporrankt. „Leider haben wir kein männliches Pendant, also auch keine Früchte.“

Viel ertragreicher ist dagegen die Idee des Wicklow Gardens Festival, das jährlich von Mai bis August veranstaltet wird. Dann öffnen sich in der Grafschaft im Süden Dublins, die sich selbst gern „Garten Irlands“ nennt, nicht nur die Pforten zur großen Gartenkunst, allen voran Powerscourt Gardens in Enniskerry. Hinzu kommen noch einmal über 40 private Gärten, deren Besitzer Einblicke in ihre Liebe und Leidenschaft zur Natur gewähren.

Auch Dermot Kehoe buddelt gern in frischem Mutterboden. 70 Tonnen hat er rund um sein Haus in Kilquade aufschütten lassen. „170 Tonnen hätte ich gebraucht.“ Mit seinen 69 Jahren steht er im Sommer täglich vier bis fünf Stunden in seinem Garten, wenn er nicht Vorträge über Botanik hält oder interessierte Besucher empfängt. Mir hat er sein Pflanzenreich genannt, „Frieden“. Ein russischer Architekt hatte einst Kehoes Wohnviertel „New Russian Village“ entworfen. Da schien der Name passend. Seine 0,3 Hektar hat er schlicht in einen Waldgarten, Pflanzen für die Sonne und einen Gräserbereich eingeteilt. „Ich interessiere mich nicht so sehr fürs Design, wohl aber für Pflanzen aus der ganzen Welt,“ meint Kehoe und zeigt auf einen Echium pininana, einen über zwei Meter hohen Riesennatternkopf, der eigentlich auf den Kanarischen Inseln zu Hause ist. Das milde Klima im irischen Südosten macht es möglich. Zu seinen Lieblingsblumen zählt er die kleine Hexe „Molly the witch“, die Pfingstrose.

Für Kehoe ist sein Garten eine Verpflichtung, seine Pflanzen sind wie Kinder, „die man beaufsichtigen muss“. Deshalb verreist er nie im Sommer. Stattdessen tauscht er sich mit anderen Gartenfreunden aus, für ihn alles Menschen mit Seele, die Interesse am Leben und am Wachsen haben. Die fünf Euro Eintritt in sein kleines Paradies spendet er für Projekte in Entwicklungsländern.

Harold Clarke mag vor allem Bäume. Für einen Buchhändler im Ruhestand vielleicht nicht ungewöhnlich. Lieferten sie ihm doch einst den Rohstoff für seine Ware. Als Eigentümer von Knockanree Gardens in Avoca hat er sie reichlich gepflanzt. Mit eineinhalb Hektar zählt der private Garten zu den etwas größeren und bietet Raum für Gestaltung. So entstanden eine japanische Meditationsecke sowie Pfade durch schattigen Wald und an einem plätschernden Bach entlang, der zu einer knallroten chinesischen Brücke führt. Unterwegs ragen immer wieder Steinfiguren als Gestaltungselemente aus dem üppigen Gras. Gleich am Eingang, neben weiß gekalkten Wohngebäuden, rahmen hüfthohe, in rechte Winkel gezwungene Hecken eine Sonnenuhr ein. Daneben wachen zwei dekorative Kanonen darüber, was den Besucher hier empfängt: meditative Stille. Mit seiner Ordnung beruhigt Knockanree die Sinne und lädt zum nachdenklichen Spaziergang ein.

Ganz anders dagegen der kleine Garten von Lolo Stevens in Coolgreany Village. In Ram House explodieren die Farben. Dafür sorgen allein schon 70 Clematis-Variationen. „Die Arbeit am Garten musste warten, bis das Haus bewohnbar war“, sagt die 76-Jährige. 1973 hatten sie das renovierungsbedürftige Ram House gekauft, doch als ihr Mann vor einigen Jahren an Alzheimer erkrankte, ging alles nur noch in kleinen Schritten voran. Heraus kam eine herrlich verwilderte Gartenstruktur. Für Lolos Enkel war es immer „der Dschungel“, in den sie zum Spielen verschwanden. Und tatsächlich steigt auf kleinstem Raum hinter jeder Ecke ein anderer exotischer Duft in die Nase. Wer vorher anruft, dem serviert Lolo Stevens nach einem Rundgang gern eine Tasse Tee oder Kaffee.

Zurück zu den Großen. In der Orangerie von Killruddery House and Gardens stehen sie alle nebeneinander: Homer, Sokrates, Napoleon, William Pitt und Wellington. Aus weißem Marmor modelliert, schauen sie hinaus in den ältesten irischen Garten. Killruddery stammt im Kern noch aus dem 17. Jahrhundert und wurde in den beiden nachfolgenden Epochen schrittweise erweitert. Vom französischen Landschaftsarchitekten Bonet zum Vergnügen größerer Gesellschaften geschaffen, erreicht die wunderbar gepflegte Grünanlage die Ausmaße eines Parks. Für diese Dimensionen empfiehlt es sich, etwas mehr Zeit mitzubringen. Zwei 187 Meter lange Wasserbecken führen vom Haupthaus zu einem Springbrunnen mit 20 Meter Durchmesser. Wie riesige Spiegel reflektieren die Wasserflächen dieser „miroirs d’eaux“ den Himmel. Dahinter beginnt der Wald, in dem die ersten Hausherren zur Jagd ritten.

Seit 1618 war Killruddery House and Gardens im Besitz der Earls of Meath. In Irland sind es oft diese großen Gärten, von wohlhabenden Familien geschaffen und dann über Jahrhunderte gepflegt, die ihre ganz besondere historische Aura bewahrt haben.

Doch wer auf dem Wicklow Gardens Festival all die anderen botanischen Kleinode gesehen hat, wird rasch erkennen: Man muss nicht unbedingt ein Earl sein, um hinter seinem Haus ein prachtvolles Stück Garten entstehen zu lassen.

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