Zeitung Heute : Fette Beute bei Computer-Piraten

BORIS REITSCHUSTER (AFP)

Selbst friedliche Spiele im Kinderzimmer können ein Fall für die Polizei sein: Jedes dritte Computerprogramm in Deutschland ist nach Branchen-Schätzungen eine Raubkopie - und damit illegal.Millionen von Computer-Spielen, Büro-Software und andere Programme laufen gesetzwidrig auf Deutschlands Rechnern.Egal, ob es sich um eine Heim-Kopie aus Nachbars Computer oder eine professionelle Fälschung organisierter "Computer-Piraten" handelt - wer die Raubprogramme benutzt, muß mit Ärger und empfindlichen Strafen rechnen.Allein bei Unterhaltungs-Software verlieren Hersteller und Handel nach Schätzung der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) durch Raubkopien rund 2,5 Milliarden Mark jährlich - die Hälfte des gesamten Umsatzes.

Dank moderner Technik und rapidem Preisverfall ist die Herstellung von Raubkopien heute ein Kinderspiel: Schon für 400 DM sind CD-ROM-Brenner zu kaufen, mit denen jedermann am eigenen Computer CDs kopieren kann.Auf Deutschlands Schulhöfen floriert der Tauschhandel mit solchen CDs aus Eigenproduktion.Wie hoch die Dunkelziffer ist, weiß niemand, auch über die genaue Höhe des Schadens rätseln die Experten."Nicht jeder illegale Nutzer würde sich das Programm zum offiziellen Preis im Laden kaufen, wenn er keine Raubkopie bekommen könnte", räumt Jan Scharringhausen von der GVU ein.Für die Urheber ist guter Rat teuer, denn aufwendige Kopierschutz-Programme sind meist schnell von Hackern geknackt.Zudem bergen die Schutzvorrichtungen Gefahren: Oft beeinträchtigen sie das Programm selbst und verärgern damit auch die ehrlichen Nutzer.

Viele der Lizenz-Sünder plagt kein Unrechtsbewußtsein, hat Karsten Völkert vom Kindersoftware-Hersteller Tivola beobachtet: Als seine Firma Anfang des Jahres einen Kopierschutz einführte, kam ein Kunde verärgert ins Geschäft zurück und beklagte sich, daß er seine CD nicht kopieren konnte."Die Leute sagen sich, Musikkassetten kopieren sie doch auch", sagt Völkert."Dabei stehen bei einem Computerprogramm ganz andere Summen dahinter: Eine CD kostet uns bis zu einer halben Million Mark." Noch mehr Kopfzerbrechen bereiten den Herstellern die professionellen Fälscher.Als eine Tivola-Partnerfirma ihre Programme in Polen auf den Markt brachte, waren sie nach wenigen Wochen als Raubkopien zu haben, berichtet Völkert: "Statt 200 Mark verlangen die Fälscher für die vier Programme 15 Mark.Unser Partner geht jetzt pleite."

"Es ist ein richtiges illegales Handelsnetz entstanden", klagt eine Sprecherin des Branchenriesen Microsoft.Selbst im Fachhandel könne der Kunde auf Fälschungen stoßen: "Der einzelne Nutzer hat wenig Chancen, das zu erkennen".Auch in Deutschland gebe es regelrechte Fälscherwerkstätten, berichtet Scharringhausen.Dabei geben die Software-Piraten ihre Raubkopien manchmal sogar ganz unauffällig in gewöhnlichen Preßwerken in Auftrag.Um den Computer-Kriminellen auf die Spur zu kommen, wertet die GVU Zeitungsanzeigen aus, surft im Internet und macht Testeinkäufe.Selbst wenn den GVU-Mitarbeitern dabei ein dicker Fang ins Netz geht, fallen die Strafen oft gering aus: "Laut Gesetz drohen zwar mehrere Jahre Haft; aber es ist schwierig, etwas nachzuweisen", bemängelt Scharringhausen.

Kleinen Computer-Sündern in den Kinder- und Arbeitszimmern steht hingegen Ungemach ins Haus, wenn sie ertappt werden.Es drohen empfindliche Geldbußen; oft ziehen die Behörden auch den ganzen Computer ein.Während die GVU "aus Prinzip" auch solchen kleineren Fällen nachgeht, sehen manche Hersteller die "Heim-Piraterie" gelassener."Uns bereitet das keine Kopfschmerzen", sagt Liane Lahl vom Münchner Software-Hersteller Systhema: "Das ist wie mit der Musik-CD, dieses Risiko muß man einfach eingehen." Dem privaten Tausch mit Raubkopien im kleinen Rahmen kann Lahl sogar Positives abgewinnen: "Wir wollen da nicht so hart durchgreifen, das ist ja auch ein bißchen Werbung.Wenn vier Leute ein Programm nutzen, wird es einer später auch kaufen."

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