Zeitung Heute : Fidels fidele Rentner

RALPH GEISENHANSLÜKE

"Ich rauche seit 85 Jahren", sagt der Mann mit der stets brennenden Havanna.Compay Segundo sieht aus wie der fleischgewordene Traum der Tabakindustrie.92 Jahre alt, aber mit einem Funkeln in den Augen, daß die Frauen noch immer schwach werden.Er arbeitet gerade an seinem sechsten Kind.Pianist Rubén Gonzáles, 79, litt an Arthritis und besaß seit zehn Jahren kein Instrument mehr.Nun sitzt er an einem Steinway-Flügel.Auch der 71jährige Sänger Ibrahim Ferrer hatte seine besten Tage schon fast vergessen und verdiente sich sein karges Brot als Schuhputzer.Als Ry Cooder ihn endlich aufgespürt hatte, ließ er ihm kaum Zeit, sein Gesicht zu waschen.

Als Ferrer zwei Jahre später in der New Yorker Carnegie-Hall die ersten Zeilen von "Chan Chan" anstimmt, brandet ihm der Jubel entgegen.Das Album "Buena Vista Social Club", produziert von dem amerikanischen Gitarristen Ry Cooder, wurde mit einem Grammy ausgezeichnet und weltweit millionenfach verkauft.Manchmal gibt es doch so etwas wie Gerechtigkeit im Leben und im Musikgeschäft.Denn die tiefe Leidenschaft und Musikalität, mit der diese fidelen Rentner die Klassiker des kubanischen Son intonieren, ist kein Quickie für das Ohr des Konsumenten wohlfeiler Weltmusik.Für diese Musik, die von der Politik beinahe erstickt worden wäre, habe er ein Leben lang gelernt, sagt Cooder.

Wie schon zuvor, bei seiner ebenfalls Grammy-prämierten Arbeit mit dem Gitarristen Ali Farka Toure aus Mali, hat Ry Cooder etwas Neues geschaffen, ohne das Alte zu vergewaltigen.Das Alte - das sind in diesem Fall nicht die alten Männer, deren Gesichter jünger aussehen als die löcherigen Straßen und verfallenen Fassaden von Havanna.Das Alte - das sind die Lieder, die sie ein Leben lang in sich tragen, das ist die Musik, die in ihren Händen fließt wie das Blut in ihren Adern, wie die Liebe in ihren Seelen."Wir glauben an Träume", steht als abblätternde Parole an einer Hauswand.Dies ist einer, der wahr wurde.

Um ihn zu dokumentieren, mußte Wim Wenders, in dessen Filmen die singende Slide-Gitarre Ry Cooders öfter zu hören war, eigentlich nichts weiter tun als die Kamera draufzuhalten.Sie zeigt gelegentlich alte Ami-Schlitten und Zigarrenmanufakturen.Sie zeigt hauptsächlich die bescheidenen Lebensumstände, in denen die"Supergroßväter" noch immer leben; sie tun es nicht nur mit Würde, sie empfinden sich überhaupt nicht als arm, sondern als glückliche, erfüllte Menschen.Ein Dutzend beneidenswerter Biographien.

Der Regisseur verneigt sich vor seinem Gegenstand und tritt hinter ihn zurück.Deshalb ist "Buena Vista Social Club" ein guter Wenders: weil er besonders wenig Wenders enthält.

Heute 15 Uhr Royal Palast, 21 Uhr Urania, morgen 20 Uhr International

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