Zeitung Heute : Film ab!

Im Südwesten haben Kinogänger die Wahl zwischen ganz verschiedenen Häusern. Hier werden Klassiker und Blockbuster in schönem Ammbiente gezeigt.

Kerstin Heidecke

Wer in Steglitz-Zehlendorf ins Kino will, muss nicht erst „in die Stadt“ fahren: Jenseits der Multiplexe hat der Bezirk familiäre und komfortable Kinos, die technisch den großen Filmpalästen in nichts nachstehen.

Nosferatu, das Phantom der Nacht, empfängt Besucher des Titania-Palastes. Aber nur als Wandgemälde im Treppenhaus begegnet uns Murnaus Vampir. Ebenso wie andere Schauspieler und Figuren, die sich in das kollektive Filmgedächtnis eingebrannt haben: die Monroe, James Dean, Charlie Chaplin, Walter Matthau, Szenen aus Cleopatra, dem Glöckner von Notre-Dame, dem blauen Engel. Ein Kinobesuch, der schon vor Filmbeginn Spaß macht. Dazu trägt auch das adrette Ambiente bei; die pieksauberen hellgrau-glänzenden Bodenfliesen, die angenehme, in die Decken integrierte Beleuchtung, eine kleine Bar. In einem der fünf Säle wird wohl für jeden Geschmack etwas aus dem aktuellen Blockbuster-Repertoire gezeigt. Täglich bereits ab 10 Uhr startet das Kinderprogramm. Montags um 23 Uhr gibt’s einen Überraschungsfilm. Wahrzeichen des Hauses ist der 30 Meter hohe Lichtturm. Der Titania-Palast war Austragungsort der ersten Berlinale 1951. Und 1960 buhten Berliner hier Marlene Dietrich aus.

Ein schlichter Flachbau aus den 50er Jahren beherbergt das Adria. Es ist der Nachfolger der im Krieg zerstörten Schlosspark-Lichtspiele. Hier geht man stressfrei ins Kino, selten ist es voll. Im Foyer kann man auf bunten Stühlen an Bistrotischen sitzen und sich ins Wirtschaftswunderjahrzehnt zurückversetzt fühlen. Besonders Filmikonen dieser Zeit zieren die Wand. Am „Super Kino Dienstag“ wird’s sogar billiger. In den roten Kinosesseln können es sich auch große Besucher bequem machen. Immer sonntags um 12 Uhr gibt es in der Matinée Billy Wilders Filmklassiker „Eins, Zwei, Drei“.

Im Villenviertel Dahlem, gleich hinter der „Rostlaube“ der Freien Universität, liegt das Capitol. Studenten und Familien „teilen“ sich das intime Kino, das in einer Villa mit Rundbogenfenstern sein Domizil hat – inzwischen seit 61 Jahren. Im Sommer kann man auf Holzstühlen vor dem Kinobesuch bei einem Getränk die Abendsonne genießen. Dabei war der Start des Capitols ein unrühmlicher: Reichsfilmkammerpräsident Carl Fröhlich hatte den Vorführsaal an seine Villa anbauen lassen. 1945 wurden große Teile des Gebäudes durch eine Bombe zerstört. Der neu gebaute Vorführraum öffnete 1946 als Kino. Auf den 162 Plätzen sitzt man nicht nur bequem, man kann auch vorher aussuchen, wo man sitzen möchte; es gibt Platzkarten. Popcorn oder Nachos mit Käsesoße gehören nicht zum kulinarischen Angebot, dafür aber Kaffee in Tassen und Wein in Gläsern.

Schön ist das in einem kleinen Flachbau ansässige Bali-Kino nicht, zumindest nicht von außen. Innen zieren immerhin Plakate berühmter alter Filme die Wände – von Fellinis „Roma“ bis zu Orson Welles’ „Citizen Kane“. Groß ist das Bali auch nicht, nur 128 Zuschauer finden im einzigen Saal Platz. Doch dafür bietet die Filmbühne am S-Bahnhof Zehlendorf eines der anspruchvollsten Programme Berlins. Das Arthouse-Kino wird deshalb seit Jahrzehnten für sein Repertoire ausgezeichnet. Darüber hinaus gibt es Konzerte, Lesungen und Kindertheateraufführungen.

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