Zeitung Heute : Filmen mit dem Herzen

DANIELA SANNWALD

"Ich liebe Istanbul und das ganze Land, das ich seit Jahren bereise", sagt Yesim Ustaoglu und lächelt."Istanbul ist eine aufregende Stadt voller Bewegung und Dynamik.Aber für die meisten Menschen dort ist das Leben nicht einfach." Für die Liebe zu ihrer Heimat hat die 38jährige wunderbare Bilder gefunden, in denen sie die Mischung aus östlicher und westlicher Architektur zeigt und die Vielfalt der türkischen Landschaft, aber auch die Probleme der Stadtflucht, den provisorischen Charakter der Unterkünfte, die Schwierigkeiten des täglichen Lebens."In der Türkei wie in allen Ländern der Welt hat man es schwer, wenn man äußerlich von der Norm abweicht, einer ethnischen Minderheit angehört.Mehmet, die Hauptfigur des Films, hat eine dunkle Haut, er könnte ein Kurde sein.Der türkische Rassismus richtet sich aus ethnischen und politischen Gründen gegen die Kurden, aber nicht nur gegen sie.Es gibt eine Reihe anderer ethnischer Minderheiten, auch Sinti und Roma haben es schwer in der Türkei.Natürlich spielt der sozio-politische Hintergrund eine Rolle in meinem Film.Aber ich bin Künstlerin, nicht die richtige Person, um Lösungen anzubieten oder auch nur darüber nachzudenken." Als politische Stellungnahme will Yesim Ustaolgu ihren Film nicht verstanden wissen.Filmemachen sei eine sehr persönliche Sache, sagt sie, und so findet man in Mehmets Freundin Arzu ein wenig von ihr selbst wieder.

Diese mutige, selbstbewußte junge Frau weiß, wie man in der Großstadt überlebt und repäsentiert den Einfluß der westlichen Kultur."Mehmet kommt aus einer Kleinstadt, er ist - zumindest am Anfang des Films - überfordert vom Leben in der Metropole", erklärt Ustaoglu, "aber das Mädchen Arzu weiß, wie sie sich und ihn schützen kann; sie wurde in Deutschland geboren und hat ganz andere Erfahrungen als er.Ich mag diese Figur sehr gerne." Mit ihrem Film möchte die Regisseurin vor allem die großen kulturellen Unterschiede innerhalb der Türkei zeigen."Berzan, Mehmets Freund, kommt aus einem stark traditionell geprägten Umfeld: In der Türkei sind die Familientraditionen, besonders was die Frauen betrifft, sehr streng.Deswegen warnt Berzan Mehmet vor den Frauen aus der Stadt und sehnt sich nach Shirvaz, die aus dem gleichen Ort wie er stammt.Mehmet ist zwar auch in einem Dorf aufgewachsen, aber er ist von der westlichen Kultur beeinflußt, die in der Türkei, besonders durch das Fernsehen, ständig präsent ist." Gesellschaft und Traditionen sind die großen Themen, die Yesim Ustaoglu interessieren, auch die Konflikte zwischen den Generationen und die Attraktivität der westlichen Zivilisation."Überall in der Welt streben die Leute nach Westen.Die Menschen in Anatolien träumen davon, nach Istanbul zu kommen; wer in Istanbul lebt, will vielleicht nach Westeuropa, und die Osteuropäer möchten in die USA oder nach Paris."

Mit Migrationsprozessen hat Ustaoglu sich schon während ihres Architekturstudiums beschäftigt.Damals begann sie, Kurzfilme zu drehen und selbst zu produzieren.Als Filmemacherin ist sie Autodidaktin."Ich habe viele Freunde, die Filme machen, und habe ihnen zugesehen." "Reise zur Sonne" ist ihr zweiter Spielfilm, und zwei Tage vor der gestrigen Weltpremiere fertig geworden.Der türkischen Premiere im April beim Istanbuler Filmfestival sieht Yesim Ustaoglu gelassen entgegen: "Ich weiß natürlich nicht, ob es Schwierigkeiten geben wird.Aber ich möchte diesen Film dort zeigen, ich habe ihn mit meinem Herzen gemacht."

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