Filmgeschichte : Der Safe in der Wand

Dieses Möbel zeigt kaum jemand gern seinen Gästen. Nur im Kino hat der Safe immer wieder einen großen Auftritt. Ein Raubzug durch die Filmgeschichte.

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„Marnie“ (1964) von Alfred Hitchcock. Sean Connery überrascht Tippi Hedren auf frischer Tat.
„Marnie“ (1964) von Alfred Hitchcock. Sean Connery überrascht Tippi Hedren auf frischer Tat.Foto: Cinetext Bildarchiv

Kein Safe, nirgends. Nur Schmuckschatullen, ungesichert, leichte Beute für die „Katze“. Aus versicherungstechnischer Sicht ist „Über den Dächern von Nizza“ (1955) von Alfred Hitchcock ein Ärgernis, ja, ein Paradox. Wiederholt wird die Nutzung offenbar hinreichend vorhandener Safes empfohlen, gezeigt, gar genutzt werden sie nie. „Ich habe mir den Schmuck nicht für den Hotelsafe gekauft, sondern zum Tragen“, weist Millionenerbin Mrs. Stevens (Jessie Royce Landis) alle Mahnungen ihrer Tochter (Grace Kelly) wie auch des Versicherungsagenten zurück: „Und was soll ich tun, wenn ich ausziehe? Mir den Safe um den Hals hängen?“ So gehen die Klunker eben flöten.

Der Safe ist politisch, ideologisch und sexy

Hitchcock hat also den Safe in der Requisite gelassen, und das war gut so. Es wäre sonst ein anderer Film geworden. Doch noch in der Minimalversion beweist dieses Motiv seine zentrale Rolle innerhalb der Geschichte des Kinos, insbesondere des Krimis. Der Safe bleibt nie bloßer Gebrauchsgegenstand zur Aufbewahrung wertvoller oder geheimer Dinge. Er ist ebenso Statussymbol, Hinweis auf überdurchschnittliche Liquidität, Ziel unzulässiger Begehrlichkeiten, die zu befriedigen mit Gefahren verbunden ist, mithin ein spannungsförderndes Element par excellence. Zunächst nur ein stabiles, schwer zugängliches und noch schwerer zu knackendes Gehäuse, kann der Safe mit allerlei Konnotationen aufgeladen werden, die ins Politische, Ideologische, sogar Sexuelle reichen, ganz zu schweigen vom komischen Potenzial – jedenfalls in der Fiktion. Reale Wohnungsbesitzer finden geplünderte Schatullen garantiert nicht komisch.

Szene aus "Jud Süß" (1940).
Szene aus "Jud Süß" (1940).Foto: Cinetext Bildarchiv

Vorübergehend können sie wohl nicht mal über „Der rosarote Panther“ (1963) von Blake Edwards lachen, alle anderen schon. Die Kriminalkomödie erscheint teilweise wie eine Parodie auf Hitchcocks „Über den Dächern von Nizza“. Wieder steht im Mittelpunkt ein Meisterdieb: Sir Charles, genannt „Das Phantom“ (David Niven), der die indische Prinzessin Dala (Claudia Cardinale) um ihren Diamanten, den „Rosaroten Panther“, bringen will. Und wieder kulminiert das Geschehen in einem Kostümfest, dank des trotteligen Inspektors Clouseau (Peter Sellers) endet es chaotisch. Auch hat das „Phantom“ wie die „Katze“ einen Doppelgänger, seinen Neffen George (Robert Wagner), auf den er ausgerechnet vor dem Safe trifft: Beide tragen das gleiche Gorilla-Kostüm, umschleichen sich und vor allem das verschlossene Objekt ihrer Begierde. Ein seltsames Modell, von zwei Seiten zu öffnen, beide Türen versteckt hinter einen Gemälde, die übliche Tarnung. Für beide Gauner ist das kein Hindernis, nur greift der Neffe einen Bruchteil fixer hinein – und hindurch: Das Versteck ist leer.

Der größte Safe der Filmgeschichte wird in "Goldfinger" geknackt

Überwiegend zielt das Safe-Motiv aber auf Nervenkitzel. Es gibt verschließbare Behältnisse in fast jeder Größe und Form, und die Methoden der Unbefugten, doch Zugang zu erlangen, reichen von purer, meist pyrotechnischer Gewalt über hochentwickelte Hilfsinstrumente bis zum bloßen Eingeben des Codes. Der wohl größte denkbare Geldschrank der Filmgeschichte, der je geknackt wurde, war das U.S.-Goldlager Fort Knox in „Goldfinger“ (1964), selbst James Bond (Sean Connery) konnte das Treiben der Titelfigur (Gert Fröbe) nicht ganz verhindern. Eine Nummer kleiner wird diese Ur-Situation des Thrillers in Filmen wie „Ocean’s Eleven“ (2001) serviert: Danny Ocean (George Clooney) und seine Freunde leeren den Tresor eines Casinos in Las Vegas. In klassischer Manier sind die Banktresore in „Sass“ (2001) und „Der Bruch“ (1988) zu knacken, während Frank Tupelo (Johnny Depp) in Florian Henckel von Donnersmarcks „Der Tourist“ das Millionenversteck in einer Villa in Venedig überraschenderweise per Code öffnet – die aktuellste, gleichwohl traditionelle Version des Safe-Motivs.

Szene aus "Man lebt nur zweimal" (1966).
Szene aus "Man lebt nur zweimal" (1966).Foto: Cinetext Bildarchiv

Immer ließ sich an ihm auch der technische Fortschritt studieren. In „Man lebt nur zweimal“ (1967) muss sich 007 (Sean Connery) – seit jeher ein Spezialist für solche Aufgaben – in einem Bürogebäude in Tokio noch mit einem Abhörgerät behelfen, um die Zahlenkombination durch das fürs Ohr unhörbare Klicken des Schlosses herauszufinden. In „Moonraker“ (1979) hat Bond (Roger Moore) bereits ein Röntgengerät in Taschenformat zur Hand, mit dem er den Tresor des Schurken knackt. Ein fantasievoller Ort: eine antike Uhr, deren Glasdeckel als Schalter dient, um den darunter versteckten Safe hochzufahren.

Hitchcocks "Marnie" konnte die Finger nicht vom Safe lassen

Ähnlich Ausgefallenes wird nur selten geboten, eine Zimmerpagode etwa in dem Edgar-Wallace-Film „Der Fluch der gelben Schlange“ (1963), eine Spieluhr in Constantin Costa-Gavras’ „Music Box“ (1989) oder gar ein ganzes Zimmer – als Rückzugsort der Wohnungsbewohner im Falle der Gefahr („Panic Room“, 2002) oder als Schatzkammer, von der aus man zugleich durch die Geheimtür die libidinösen Eskapaden der Ehefrau beobachten kann („Absolute Power“, 1997).

Auch in Hitchcocks „Marnie“ (1964) wird das Safe-Motiv erotisch aufgeladen, wird der Geldschrank zum unabdingbaren Element in einem Spiel um Verweigerung und Begehren, gerät tendenziell zum sexuellen Symbol: Die kleptomanische Titelheldin (Tippi Hedren) treibt ein aus Kindheitstraumata gespeister Hass auf die Männer dazu, deren Geldschränke zu leeren, sie dadurch, wenn man so will, stellvertretend zu entmannen. Ihr Opfer Mark Rutland (Sean Connery) dagegen findet gerade das reizvoll, wie Hitchcock es beschreibt: „Ein Mann will mit einer Diebin schlafen, weil sie eine Diebin ist, wie andere mit einer Chinesin oder einer Schwarzen schlafen wollen.“

Szene aus "Pink Panther" (1963).
Szene aus "Pink Panther" (1963).

Symbolfunktion wurde dem Safe noch mit ganz anderer Intention zugewiesen: rassistisch-diffamierend. Beim ersten Auftritt der Titelfigur in Veit Harlans „Jud Süß“ (1940) spielt der Safe eine zentrale Rolle. Joseph Süß Oppenheimer (Ferdinand Marian) führt dem Abgesandten des von ihm hofierten Herzogs von Württemberg seinen Reichtum vor: den zimmerhohen Geldschrank in seinem Haus, mit separatem, vor Geschmeide überquellendem Safe – in der antisemitischen Sicht des Films ein Sinnbild der zerstörerischen jüdischen Verführungskünste.

Bei Kubrick liegt im Safe ein Cowboy-Hut

Doch es geht auch satirisch-entlarvend: In Stanley Kubricks „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ (1964) führt der erste Weg vor dem Angriff auf die Sowjetunion den texanischen Piloten Major Kong (Slim Pickens) zu seinem eigenen Safe, in dem er ein für ihn im Krieg unverzichtbares Requisit aufbewahrt: seinen Cowboy-Hut. Erst jetzt kann der „kleine atomare Nahkampf mit den Russkis“ beginnen. Auch beim finalen Ritt auf der Bombe hat der wackere Major den Hut dabei, jauchzend und ihn schwenkend, als säße er auf einem Mustang.

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